Bisschen schwitzen und dann heim oder: Nur noch 1000.

Bisschen schwitzen und dann heim oder: Nur noch 1000.

Es konnte nun kein Zweifel mehr daran bestehen, dass ich mich in der Provence befand. Bereits am frühen Morgen wehte angenehm warmer Wind, der den Geruch von Lavendel trug. Allerdings waren die meisten der lilanen Felder bereits abgeerntet.
In einem süßen Ort drückte ich mir gleich zwei Croissants hinein. Der Radfahrer hatte Hunger. Die Energie würde ich später noch brauchen. Mont Ventoux.
Zuvor ging es aber erst hinauf zum Col du Mort. Welch düsterer Name. Alles andere als düster waren die sonstigen Aussichten: Blauer Himmel. Voraussichtlich heiß. Klassische Bedingungen für einen heißen Ritt auf den Riesen der Provence. Mit 1909 Metern Höhe muss man den Berg nicht zwingend als Giganten beschreiben, doch gemessen an der flachen Umgebung sticht der Ventoux unübersehbar und alles überragend, als dicker, fetter Klotz hervor.

Wie ien schlafender Riese, liegt der Gigant seelenruhig in der prallen Sonne. Unübersehbar der kahle Gipfel.

Es gibt drei Auffahrten: Aus Westen, Süden und Osten. Als unkundiger Radreisender der ich nun mal war, fuhr ich von Osten heran, was meiner Route geschuldet war, schließlich kam ich aus Nord-nordöstlocher Richtung. Es ist die vergleichsweise leichteste Variante, da sich die Steigungsprozente bis auf die letzten sechs Kilometer in sehr moderaten Bereichen bewegen.
Aber als Abschluss einer von Bergen bestimmten Tour, war es genau das Richtige. Trotzdem hatte ich gute 1200 Höhenmeter zu überwinden. Gegen 11 Uhr und damit reichlich spät, begann ich den langen Aufstieg, der in duftendem Pinienwald startete und knapp zwei Stunden später auf dem weißen, ungeschützten und brütend heißen Gipfel endete.

Schwitz, schwitz, schwitz.

Zwei Stunden auf dem Esel und nochmal so lange anstehen um ein Gipfelfoto zu schießen. Am Arsch! Ich lies es bei einem entfernten Selfie beruhen und suchte mir ein Stück weiter unten ein weitaus ikonischeres Motiv. Der Turm. Was wäre der Ventoux ohne diesen hässlich eckigen Antennenturm? Nicht dass ich den Ventoux hässlich finde. Keineswegs. Aber der Turm ist genauso kahl und kalt anzuschauen wie der Berg auf dem er steht. Überhaupt kann ich mir den Gipfel überhaupt nicht ohne diese Menschen gemachte Architektursünde der 60er Jahre vorstellen. Das Bauwerk gehört zum Berg wie die Hitze. Vorausgesetzt man fährt im Sommer hier hoch.

Über den Berg. Schwitzig, aber glücklich.s

Alpe d´Huez konnte ich in aller Seelenruhe genießen. Beziehungsweise abhaken. Auf dem Ventoux bekam ich eine Idee wie voll es auf den 21 Kehren in den Alpen sein muss. Es fällt mir schwer das zu sagen, aber es waren zu viele Radfahrer. Zu viele.

Kaum ein Plätzchen mit freier Sicht auf das Gipfelschild.

Am schlimmsten daran: Jeder ist so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass man vor allem auf den letzten sechs steilen Kilometern bis zum Gipfel höchst aufmerksam bleiben muss, um beim Überholen, oder überholt werden nicht über den Haufen gestrampelt zu werden.
Der Ventoux scheint nicht nur der Traum ambitionierter Rennradfahrer zu sein, sondern auch das Ziel von Menschen die zweimal im Jahr aufs Rad steigen (einmal auf dem Hinweg, und das zweite Mal auf dem Rückweg). Lustig, wenn man dabei nicht um sein eigenes Wohlbefinden gebracht werden würde. Als wäre das Denkmal (denk mal!) an den Dopingtoten Briten Tom Simpson wenige Kilometer unterhalb des Gipfels nicht genug. Über manche Sachen will man auch einfach nicht mehr wissen.

Auf der Abfahrt stieg das Thermometer nach jeder Kurve um ein paar Grad. Der heiße Mistral blies wie ein Heißluftföhn. Heiße Luft gibt es also nicht nur in der australischen Wüste.
Es war die einzige Abfahrt bei der ich nichts überziehen musste. Eher hätte ich noch etwas ausgezogen. Aber das hätte meine hart erradelten Bräunungskanten gefährdet.
Ich erreichte Bedoin. Die kleine Ortschaft lebt vom Radsport. (Wie zuvor angesprochen hat es bei vielen “Radlern” nur entfernt etwas mit Sport zu tun…). Geschätzt kommt auf einen Einwohner je ein Fahrradladen und ein Café. Bringt alles nichts, wenn man zur französischen Mittagspause eintrudelt. Der kühle Supermarkt war in vielerlei Hinsicht ein Segen.
Erst pumpte ich einen Liter Wasser auf Ex weg und danach lies ich meine geschundenen Beine im eiskalten Dorfbrunnen baumeln, während ich mir das ein oder andere Radler genehmigte. Radfahren wie Gott in Frankreich.

Glühende Beine!

Bedoin war der südlichste Punkt meiner Reise. Von nun an ging es Richtung Heimat.
Nur noch 1000. Aber was sind schon 1000 Kilometer, wenn man dabei nur 10000 Höhenmeter bewältigen muss. So schnell verschiebt sich die Sicht auf die Dinge. Durchaus kann man den Eindruck gewinnen, dass ich wenig Lust hatte zurückzufahren. In der Tat. Überhaupt wollte ich so gar nicht mehr fahren. Blanke Sturheit, die mich dazu brachte das Rad und nicht die Bahn oder das Flugzeug zu besteigen.
Denn meine imaginäre Reiseroute ging eigentlich noch ein ganzes Stück weiter. Die Kenner wissen natürlich, dass die Tour de France nicht nur die langen Anstiege der Alpen beehrt. Außerdem geht es regelmäßig über die steilen, unrhythmischen Auffahrten der Pyrenäen. Logisch also, dass ich bei meinem Vorhaben “Tour de France” auch ein paar Augen auf die legendären Bergprüfungen in der Bergkette zwischen Spanien und Frankreich geworfen hatte. Andorra-Acalis, unvergesslich, wie Jan Ullrich 1997 in “Kette-rechts”-Manier allen davongefahren ist. Ich empfehle jedem das Youtube-Video dazu. Eine Augenweide (es waren doch eh alle bis oben hin voll!). Tourmalet. Da kribbelt es überall. Übrigens ist dies einer der Berge an denen unser ehemaliger Radsportheld (”Ulle!”) einen seiner dunkelsten Tour-Tage erlebte. Aber genug Geschichte an dieser Stelle.

Weil ich mich also so leer fühlte und es mir unter keinen Umständen vorstellen konnte noch ein paar hundert Kilometer entlang der flachen, sonnenverwöhnten, südfranzösischen Mittelmeerküste entlang zu fahren, um mir danach, bildlich gesprochen, an den Rampen der Pyrenäen die Beine zu brechen, machte ich kehrt. Wenigstens das wollte ich also noch erreichen. Und so folgte ein wahrhaftiger Husarenritt in Richtung des Taunus.

Noch befinden wir uns aber in der heißen Provence. Es war so heiß! Und es kühlte nicht ab. Nach dem Ventoux, war vor der Heimreise. Ich machte wirklich noch ein paar Meter an diesem Tag und kann es mir heute nur so erklären, dass der warme Fahrtwind angenehmer war, als irgendwo schwitzend rumzuliegen.
Die Sonne neigte sich gen Horizont und ich erwartete sehnsüchtig einen etwas kühleren Windstoß, der aber nie kam. Beim Durchstöbern meiner Bilder denke ich bei folgendem Bild jedes Mal an Australien. Einzig aus dem Kontext erinnere ich mich, dass das Bild in Frankreich entstanden sein musste. Schon jetzt erwartete ich die kühle Morgenluft in der ich den Heimweg antreten würde.

Australien oder Frankreich? Buschcamp. #Bräunungskante

Natürlich war es am Morgen deutlich wärmer als erhofft. Doch in Verbindung mit dem Fahrtwind herrschte angenehmes Radfahrklima. Ich war beschwingt, oder war es der Rückenwind? Jedenfalls flogen die Mais- und Sonnenblumenfelder nur so an mir vorbei. Allez, allez. Zumindest noch für ein paar Tage.

Französischer Juli in blau und gelb.

Dann kam die Mittagshitze, welche wie ein Bremsklotz an mir Hing und mein Vorankommen erschwerte. Erstmal Pause. Und welch Luxus: Ein altes Spülbecken bot Schatten und Kühlung für meine überhitzten Beine. Bis der Bauer angetuckert kam und bei laufendem Motor seinen 10.000 Liter Tank volllaufen ließ. So schnell wollte ich mir die Erholung aber nicht nehmen lassen und fläzte mich ein Stückchen weiter auf eine schattige Bank. Nickerchen!

Nickerchen im Schatten

Langsamer, aber noch immer mit gutem Gefühl, ging es in den Nachmittag. Ich schob die obligatorische Kaffeepause ein, während sich wieder mal bedrohliche Wolkentürme aufbauten. Die schwüle Hitze kündigte es bereits an. Ich war so darauf fokussiert Strecke zu machen, dass ich wirklich nicht daran gedacht hatte mich um die dafür notwendige Energie zu kümmern. Futter! Dies resultierte darin, dass ich viel weiter fuhr (fahren musste), als gewollt. Naja. Der allabendliche Blick auf die Karte verriet mir, dass ich schon in vier Tagen zuhause sein könnte! Vorrausgesetzt ich würde jeden Tag so viel fahren. Bonne Chance!

Entspannungsmodus. Ausblick: Heiter bis wolkig, schwül und heiß.

Ähnlich durchgetaktet wollte ich auch die folgenden Tage angehen. Zuerst die frische Morgenluft ausnutzen, dann Mittagspause und zum Tagesende noch rausquetschen was geht. Natürlich scheiterte dieses Vorhaben bereits am nächsten Tag: Die erste Kaffeepause wurde ausgiebigst ausgekostet und auch anschließend fiel mir das Fahren recht schwer. Überhaupt konnte ich diesem Tag nur sehr wenig Positives abgewinnen. Ich war gefangen in einer destruktiven Gedankenspirale, die mir die mentale Kraft raubte. Drückende Hitze und Gegenwind taten das Übrige. Mein unbändiger Wille trieb mich irgendwie vorwärts. Quälend und langsam, aber es ging nach vorne. Und so war die Heimat am Ende dieses schier unendlich langen Tages doch wieder ein ganzes Stück näher gerückt. 4 Tage!

Immer weiter, weiter, weiter…

Mit einem beeindruckenden Sonnenaufgang startete ich eine knappe halbe Stunde früher als üblich. Sicherlich lag das auch daran, dass ich nicht mehr genug Wasser für meinen Morgenkaffee vorrätig hatte. Vielleicht könnte ich damit etwas dem Gegenwind vom Vortag entgehen. Die ersten Kilometer führten mich durch herrlichste Landschaften. Die wenigen Dörfer die ich passierte bestanden aus maximal 20 Häuschen.

Booom. Guten Morgen!

Am einfachsten lässt sich diese Landidylle mit der Geste beschreiben, die ich zufällig beobachten konnte: Ein Mann lieferte die Morgenzeitung samt Baguette vor der Haustür eines Nachbarn ab. Danach spazierte er mit seinem Baguette weiter. Das ist gelebte Dorfgemeinschaft. Schön.

Dann war es aber wirklich Zeit für ein Käffchen. Und passend, nach einer guten Stunde Fahrzeit, fand ich eine Boulangerie. So sehr ich die schmackhaften Weißbrotstangen auch abfeierte, sonst hätte ich auf der Tour auch nicht zwei pro Tag verdrücken können, freute ich mich schon auf das gute, deutsche Brot.

Irgendein Camp zwischen Frankreich und Deutschland. Die letzten Tage verschwammen zu einem undefinierbaren Zeitraum.

Nach der Pause lief es wirklich gut. Der gefürchtete Gegenwind blieb aus. Genauso wie ein Supermarkt. Lange ging es durch die malerischen Landschaften. Aber es gab nirgends eine Gelegenheit zum Einkaufen. In einem Industriegebiet wurde ich fündig und vertrödelte beim Einkauf viel Zeit. Ich packte aber auch viel ein. Einkaufen macht hungrig. Und Fahrrad bin ich an diesem Tag ja auch schon reichlich gefahren. Nach dem üppigen Mahl überraschte mich die Routenplanung auf unangenehme Art. Die folgenden 20 Kilometer waren das absolute Gegenteil von dem, was ich an diesem Tag bisher gewohnt war.

Plötzlich war ich auf einer zweispurigen, vielbefahren Schnellstraße. Der Seitenstreifen war breit. Aber das war auch alles Positive was ich diesem Streckenabschnitt abgewinnen konnte. Immerhin half der Rückenwind und so war ich recht schnell wieder runter von der Gasse.

In Vesoul gönnte ich mir eine weitere Pause. Essen hatte ich ja noch genug vorrätig. Dann ging es wieder durch schöne Abschnitte, als wäre die stressige Schnellstraße nie gewesen.

Flussradweg in den Vogesen.

Ein paar Tropfen von oben und dann passierte ich die Departementsgrenze der Vogesen. Tja. So fix kann es gehen: Vor wenigen Wochen hatte ich hier die ersten nennenswerten Bergprüfungen hinter mich gebracht. Jetzt wollte ich diese nach Möglichkeit umgehen. Doch ohne Hügel geht es nicht. Doch, geht es! Zumindest für den Abschnitt auf dem Flussradweg des Coney. Waldcamp.

Jo.

Nicht mehr weit! Im Elsass quälte ich mich über schnurgerade Sträßchen. So schön. So steil. Das Wetter war unglaublich schön. Die Hügel waren brutal. Goldene Felder, blauer Himmel, perfekt geformte Schäfchenwolken. Und mittendrin ein schwitzender, fluchender, auf die Zähne beißender, durstiger und stets hungriger Radfahrer. Die Grenze. Da wollte ich hin. Aber vorher musste ich unbedingt etwas Essbares auftreiben. Es war Sonntag und mal davon abgesehen, dass es sowieso nichts gab, hatte alles geschlossen. Wo der Ruhetag noch Ruhetag ist. Ein Brotbackautomat. Nein, natürlich war es ein Baguette-Backautomat!

DAS Baguette! Aus dem Automaten.

Die letzte französische Weißbrotstange kam per Knopfdruck. Irgendwie lustig. Und es war überraschend gut. Warm und wirklich gut. Spätestens jetzt hatte ich aber nur noch die Heimat im Sinn. Deutschland! Und was gibt es in Deutschland, auch am Sonntag?

Na klar, Tankstellen! Schließlich will der gute Deutsche auch sonntags sein blechernes Statussymbol betanken. Autobahn, Autobahn, Autobahn. Zum Glück gibt es nicht nur Sprit. Mittlerweile haben sich die Tankstellen zu wahren Konsumoasen entwickelt. Bier und Cola für mich. Mit diesem Sonntagseinkauf konnte man mich natürlich wunderbar in eine Schublade stecken. Warum ich die Tankstellen so hervorhebe? Weil es im Ausland nicht unbedingt üblich ist an jeder Ecke und zu jeder Tages- und Nachtzeit eine Tanke zu finden. Geschweige denn eine Filiale die neben Benzin noch Lebensmittel oder dergleichen anbietet.

Schnurgerade durch das Elsass.

Wenn ich nicht augenscheinlich die Grenze überfahren hätte, dann wäre mir spätestens Pizzerien-Dichte aufgefallen, dass ich wieder in der Bundesrepublik war: Überall italienische Restaurants. Unfassbar, aber niemals ist mir das deutlicher aufgefallen, als an diesem Tag. So dann. Ich drehte noch ein bisschen an den Pedalen und gönnte mir sogar nochmal einen Anstieg abseits der Route. Allerdings nur um ein letztes, ruhiges Nachtlager zu finden. Nochmal in den Wald. Essen, Bierchen, weg. Es war bereits nach 10 Uhr. Unüblich spät! Aber das Ende war in Sicht.

Schlaaaand!

Letzter Tag? Letzter Tag! Los, los! Nach der kurzen Nacht war ich trotzdem erstaunlich erholt. Abgesehen von meinem Gesäß. Aber die paar Stunden würde ich heute auch noch rumkriegen.

Der Beginn des Tages demonstrierte mir fast schon provokant weshalb ich so gerne mit dem Rad unterwegs bin: Ruhige, leere Straßen im sanften Licht des Morgennebels, die aufgehende Sonne während ich auf einer malerischen Allee entlang rollte, ein Reh das im Unterholz verschwindet…Draußen sein, frei sein. Radfahren.

 

Dann wurde es stressig und laut. Aggressive Autofahrer (Montag?!) hupten mich an und ich wusste, dass ich wieder in Deutschland war. Danke, ihr lieben Mitmenschen. War mir dann aber trotzdem irgendwie egal, denn ich war fast daheim. Es war nicht der schönste, aber eben schnellste Weg. Also hatte ich keinen Grund mich zu beschweren.

Und dann erreichte ich bei bestem Wetter bekannte Landschaften. Der Feldberg und die Frankfurter Skyline kamen immer näher und die bekannten aber dennoch überwältigenden Gefühle aus Glück, Stolz und Wehmut wurden immer stärker. Froh über das Erreichte und traurig über das Ende einer weiteren Reise.

Und dann ging es wieder ganz schnell. Die Annehmlichkeiten und der Luxus des alltäglichen Lebens, die einem nur in dieser Art auffallen, wenn man sie eine Weile entbehren musste – Tägliche Duschen, eine Toilette, ein gefüllter Kühlschrank, Trinkwasser en masse, ein Dach über dem Kopf, Bett, Bettdecke und Kissen, statt Isomatte und Schlafsack. Die Liste ist lang. Manchmal ist es schön Dinge zu vermissen. Jetzt wäre ich gerne mal wieder unterwegs. Mit dem Rad, draußen. Auf bald! Ganz bestimmt.