Ein Unglück kommt selten allein, oder: Deute die Zeichen!

Ein Unglück kommt selten allein, oder: Deute die Zeichen!

Es lagen Mammuttage hinter mir, das spürte ich nicht nur in den Beinen, sondern vor allem im Kopf. Häufig hat man nach einem anstrengenden Radfahrtag das Gefühl, das morgen nichts mehr ginge – und dann geht es trotzdem. Spätestens aber wenn der Kopf nicht mehr mit an Bord ist, sollte man den inneren Signalen folgen und eine Pause einlegen. Und nichts anderes war mein Plan für den heutigen Tag. Ausruhen, auftanken, ausspannen.

Futter fassen!

Ich füllte meine Provianttaschen mit allerlei Leckereien und kehrte auf dem nächsten Campingplatz ein. Augenscheinlich der Place to be, wenn man Wildwassersportler ist. Der Campingplatz lag direkt neben der Durane. Mein Zelt war das einizge vor dem keine Kanus, Kajaks, Paddel oder Neoprenanzüge hingen. Stattdessen spannte ich Leinen um meine durchgeschwitzten Radlerhosen und Stinkesocken zu trocknen. Natürlich juckte es mich ein bisschen ebenfalls ein Paddel in die Hand zu nehmen und mich in die Fluten zu stürzen, schließlich hatte ich in Neuseeland das Paddeln gelernt und später sogar eine Saison auf dem Yukon in Kanada als Kanu-Guide verbracht. Erinnerungen.

Ich nahm es so genau mit dem Entspannen, dass ich nur zwei Bilder auf dem Campingplatz gemacht habe.

Nachdem ich mir für all die Dinge Zeit genommen hatte, die an einem Ruhetag so anfallen (duschen, waschen, nichts tun), sprang ich auch mal ins kühle Nass. Ohne Paddel, dafür mit Badehose. So gut war ich dann doch ausgerüstet.
Dann fiel mir auf, dass ich mich erstmals seit Avoriaz unter der 1300-Meter Marke befand.
Mein Verhältnis zu Campingplätzen ist bekannterweise zwiegespalten. Während die meisten Menschen Sicherheit und einen gewissen Hygienestandard verbinden, asoziiere ich Unruhe. Nicht immer, aber meistens.
Im großen Zelt der italienischen Gruppe herrschte schon den halben Tag über reges Treiben. Dies gipfelte am Ende des Tages in einem ausschweifenden Fest. Letzter Abend und so. Entsprechend mager viel meine persönliche Nachtruhe aus. Wenigstens hatte ich tagsüber vernünftig gechillt und konnte es halbwegs gelassen nehmen. Definitiv ein Zeichen guter Erholung.
Ich startete früh und erradelte mir eine deutlich hügeligere Strecke als erwartet. Gegenüber den monumentalen Anstiegen der vergangenen Woche war es trotzdem eine Fahrt durchs Flachland.
Der Erholungswert lag vor allem in der Ruhe (kein Verkehr) und der Landschaft (Pinienwälder, Berge in der Ferne, Felder und Seen #fürjedenwasdabei).

Im Durane-Tal war es malerisch schön!

Im Ausdauermekka Embrun kehrte ich in eine Boulangerie auf der Ecke ein. Das Übliche und eine Tüte bunter, mundgerechter Meringue-Häppchen. Allez, allez! “Doch nicht so schnell!” bedeutete mir das Universum auf unangenehme Art und Weise: Beim Versuch einen abgeschrägten Bordstein hochzufahren, machte ich ungewollte Bekanntschaft mit dem harten Asphalt. Das passierte in einer derartigen Geschwindigkeit, so schnell konnte ich gar nicht denken. Es war als hätte mir jemand einen Teppich unter dem Voderrad weggezogen. Zack! Da lag er.

Tatsächlich waren meine ersten Gedanken: 1.) Wenigstens habe ich gut gefrühstückt. 2.) Wenn die Tour jetzt vorbei ist, dann bin ich wenigstens die ganzen geilen Berge gefahren, wegen denen ich hergekommen war.
Und wieder mal (toi, toi, toi!) bin ich mit ein paar Schrammen davongekommen. Props an meinen Schutzengel!
Nachdem ich mich mit ein paar Pflastern beklebt hatte, konnte es schon wieder weiter gehen. “Doch nicht so schnell!” erklang es wieder in Gestalt eines ungesunden Klackerns. (Zum Glück am Rad und nicht am Radler!). Und so schnell, wie ich kurz zuvor am Boden lag, wurde aus dem Klackern ein Krachen: Der Umwerfer verfing sich in den Speichen. Das war das Ende des Umwerfers. War das jetzt das Ende meiner Reise?
See the signs”, pflegte eine Bekannte in solchen Fällen zu sagen – “Erkenne die Zeichen”. Die Kunst liegt in der Deutung. Sollte ich meine Reise an diesem Punkt beenden? Oder es wirklich einfach noch langsamer angehen lassen?

Sommerliches Paradies.

Natürlich strich ich nicht die Segel. Zumindest nicht ohne den Versuch zu unternehmen, die Reise am Leben zu halten. Also musste ich tief in der eingestaubten Kiste kramen, in der sich mein Schulfranzösisch versteckte (Es ist eine sehr, sehr, kleine Kiste. Und meistens klemmt das Schloss). Die Übersetzung für Werkstatt/ Radladen o.Ä.? Egal. Ein Deut auf das Disaster an meinem Hinterrad machte jedem klar, was ich wollte. Ich hatte noch immer etwas Glück auf der Habenseite, denn der nächste Radladen lag nur wenige hundert Meter entfernt und ich konnte sogar ganz gemütlich bergab rollen.
30 Minuten später und nur 40 Euro ärmer, setzte ich die Reise fort. Gaaaanz entspannt! Très calme.

Frisch geflickt. Und noch immer im Einsatz.

Die Schatten des Vormittags waren schnell verflogen. Erst war es heiß, dann ganz schön heiß und schließlich hässlich heiß. Aber hey! Ich war noch immer unterwegs. Das allein zählte. Und trotzdem war es schwierig mir den heißen Gegenwind und mein wehleidiges Hinterteil schön zu reden.

Und immer wieder auf den Spuren der Tour…

Von der Hitze lenkte mich wieder mal die Landschaft ab. Das alpine Panorama wich allmählich den Provence-typischen Merkmalen. Obst- und Gemüseplantagen säumten den Wegesrand, hie und da die ersten Lavendelfelder und selbstverständlich auch Weinanbau (naja, wo in Frankreich wird eigentlich kein Wein angebaut?).

Nach kräftezehrenden Gegenwindpassagen machte die Straße endlich einen Knick nach rechts. Ich radelte in der Schlucht der Méouge (Gorge de la Méouge) und machte es den Einheimischen gleich (”when in Rome, do as the Romans do” – das wurde mir direkt zu Beginn meines Neuseelandaufenthalts mit auf den Weg gegeben, als ich mich den nachmittäglichen Sauf- und Drogengelagen meiner WG-Mitbewohner enthielt. Nach einer Woche sollte ich mir eine neue Bleibe suchen. In manchen Belangen ist es also nicht ratsam es den “Locals” gleichzutun.)

Hier in Frankreich, musste ich gar nicht überlegen. Denn es ging ins erfrischend kühle, belebende Wasser der Méouge. Oh, welch Wonne an diesem drückend heißen Nachmittag. Mein Hintern und mein klebrig-schwitziger Körper freuten sich. Während ich mich entspannte, kam mir die naheliegende Idee, auch mein Lager in der Schlucht aufzuschlagen. Irgendwo musste sich doch ein weniger frequentierter Flussabschnitt finden lassen.
Also stiefelte ich wieder hinauf zu meinem Rad, fuhr noch ein paar Meter flussaufwärts und navigierte mein Equipment in zwei Fuhren eine Steintreppe hinunter. Herr-lich! Ich sprang nochmal ins Wasser und freute mich über die langsam nachlassende Hitze. Das entspannende Plätschern des Wassers wog mich in Rekordzeit in einen tiefen Schlaf.

Erst ab ins Nasse, danach Zelt aufschlagen für einen Zweiten Badegang.

Am nächsten Morgen war ich versucht noch einen Ruhetag in der Schlucht zu genießen. Doch der Gedanke an den Trubel und  den fehlenden Proviant motivierten mich schnell wieder weiterzufahren. Außerdem war da doch noch was…Mont Ventoux. Achja!

Der kahle Gipfel des Ventoux sollte das Ende meiner Reise markieren. Lustig, dass ich es so gesehen habe, denn man muss bedenken, dass es nach dem Giganten der Provence noch über 1000 Kilometer bis nachhause waren. Ob, wie und überhaupt folgt demnächst im letzten Bericht meiner Tour de France. A bientot!