Zu Besuch auf der VELO Berlin 2019 – Ein Rundgang

Zu Besuch auf der VELO Berlin 2019 – Ein Rundgang

Samstag war Messetag. Der erste Termin am heutigen Tag war das Bloggerfrühstück um 10 Uhr auf dem Messegelände. Aber solange konnte ich als Frühaufsteher unmöglich warten. Zudem sah das reichhaltige Frühstücksbüffet im Flottwell Hotel dermaßen schmackhaft aus, da konnte ich schwer dran vorbeigehen.
Gemeinsam mit Leona (Heimatnomadin), Hans (Fahrradio) und Patrick (Born2Bike), die ebenfalls den Hotelaufenthalt gewonnen hatten, genoss ich die entspannte Stimmung des Samstagmorgen. Dann ging es in Richtung des Messegeländes auf dem Tempelhofer Feld. Der alte Berliner Flughafen, der noch immer ohne Ersatz ist. Redet da überhaupt noch jemand drüber? Oder anders gefragt: Arbeitet da überhaupt noch wer dran? Anscheinend wird er ja auch garnicht gebraucht. Aber es soll nicht um die Fliegerei gehen, zumal ich mir für dieses Jahr Flugreisefasten auferlegt habe.

VELO Berlin 2019

Nun aber mal los zur Messe! Natürlich mit dem Fahrrad. Wir wählten die schöne Strecke durch den Park am Gleisdreieck; zweimal abgebogen und schon waren wir da. Ganz entspannt und beinahe ausschließlich auf Radwegen kamen wir nach nur zehn Minuten an.
Unser Appetit schien dadurch dermaßen angeregt worden zu sein, dass sich beim Bloggerfrühstück wieder Platz für das ein oder andere Croissant fand. Käffchen inklusive. Zu der geselligen Runde vom Vortag stießen ein paar neue Gesichter hinzu und wir starteten das locker gehaltene Treffen mit einer kurzen Vorstellungsrunde. Da uns aber alle das Fahrrad und das Schreiben verbinden, konnte der Smalltalk getrost übergangen werden.

In diesem Zusammenhang erwähne ich immer wieder gerne das Phänomen Warmshowers: Hier kann man bei wildfremden Menschen (Radfahrern) übernachten bzw. diese bei sich übernachten lassen. Für Umme und auf Vertrauensbasis. Das funktioniert hervorragend, weil hier Personen zusammenfinden, die eine ähnliche Weltsicht teilen. Zwar sind Radfahrer nicht gleich Radfahrer, und Radreisende auch nicht gleich Radreisende, aber letzterer Menschenschlag hat aus ganz bestimmten Gründen oder Überzeugungen das Fahrrad als Fortbewegungsmittel gewählt. Dadurch ergeben sich ausreichend Überschneidungen, um über das bisweilen leider obligatorisch gewordene “Was machst du so?” hinaus eine wirkliche Unterhaltung aufzubauen. Mit nicht wenigen meiner Gäste und Gastgeber bin ich noch immer in Kontakt. Nun ließe sich ebenfalls darüber philosophieren, ob sich Sportler, in welcher Ausprägung auch immer, generell eher über ihren Sport, als den Beruf definieren, doch das sprengt an dieser Stelle den Rahmen des Beitrags. Zurück zur Fahrradmesse!

Das zweite Frühstück ist immer das Beste! Isso!

Als sich der Vorrat an Backwaren allmählich lichtete und die Thermoskannen leergepumpt waren, bewegten wir uns zum nächsten Programmpunkt: Dem gemeinsamen Messerundgang, der ebenfalls durch TWC (The Wriders Club) organisiert wurde. Die erste Station war der Stand der Schokofahrt. Schokolade und Fahrrad. Irgendwo muss die Energie für das Radfahren ja schließlich herkommen!
Bei dem Überangebot an Genusswaren, die uns in der heutigen Zeit angepriesen werden, blickt man doch kaum mehr durch! Wenn man nicht gerade zur lila Kuh greift, oder quadratisch, praktisch, gut unterwegs ist, steht man vor der Wahl wieviel Gutmensch man sein möchte – Kennzeichnungen wie Bio, Fairtrade, UTZ, handcrafted, nachhaltig produziert und so weiter…
Die Idee der Schokofahrt setzt dem Ganzen noch einen drauf. Denn es geht nicht nur das Endprodukt, sondern vor allem um den Weg, den die Schokolade von der Bohne bis zur Tafel nimmt.

emissionsfrei transportiert.

Der Kakao stammt aus der Karibik und wird zu 100% emissionsfrei mit dem Segelschiff nach Amsterdam geschifft. #Windenergie
Erst in der schönen niederländischen Hafenstadt, gewissermaßen in der Karibik der Niederlande, minus die Palmen, werden die Bohnen dann zu Schokolade weiterverarbeitet. Die besondere Reise der Schokolade endet hier aber nicht. Genauso emissionsfrei wie der Kakao aus der Karibik nach Europa transportiert wurde, werden die fertigen Tafeln ausgefahren; man ahnt es bereits: Von nun an mit dem Fahrrad. #Muskelkraft
Das ist Slow Food durch und durch. Allerdings zweifel ich stark daran, dass das Endprodukt auch langsam verbraucht wird. Wie bereits erwähnt: Wer Rad fährt, hat einen großen Appetit.
Die Schokofahrten sind privat und dezentral organisiert. Wer also Teil dieses tollen Projekts sein will, der kann sich auf der Seite der Schokofahrer informieren. Lecker ist sie jedenfalls!

18.000 Tafeln Schokolade bereit zum Abtransport.

Unser nächster Halt war ebenfalls sehr schmackhaft. Zumindest für alle technikaffinen Radenthusiasten. Pinion. Wer sich ein klein wenig mit der Fahrradbranche auseinandersetzt, der muss diesen Namen schon mal gehört haben. Für alle anderen: Pinion steht für eine revolutionäre Form des Fahrradgetriebes. Getriebe am Rad? Nein, sogar im Rad. Pinion verspricht mit seiner Technik das nahezu wartungsfreie Schalterlebnis. Wenn man sich umhört und Erfahrungsberichte zu Rate zieht, scheint das deutsche Unternehmen aus Denkendorf den hohen Erwartungen gerecht zu werden. Ist das der Traum der Radfahrgemeinde? Nicht ganz. Noch ist das Piniongetriebe, zumindest im Vergleich zu herkömmlichen Kettenschaltungen, zu schwer. Rennradfahrer und gewichtsbewusste Mountainbiker wird man damit vorerst nicht von der Kette abbringen. Nicht auszudenken, was dann aus dem saloppen Mantra: “Kette rechts!” werden soll.

Das Piniongetriebe aus der Fahrerperspektive.

Sofern der persönliche Fokus auf Alltagstauglichkeit und Zuverlässigkeit liegt, führt fast kein Weg an Pinion vorbei. Ich sage fast. Zwei Einschränkungen möchte ich nämlich anmerken: Zum Einen kommt die Technologie mit einem ordentlichen Preisaufschlag im Vergleich zu der Kettenvariante am gleichen Rad daher, und zum Anderen kann man sich nicht ein beliebiges Radmodell aussuchen und dort eine Pinion-Schaltung verbauen. Der Getriebespezialist arbeitet nur mit bestimmten Herstellern zusammen. Dennoch: Die Auswahl an Herstellern und verschiedenen Radmodellen ist mittlerweile sehr umfangreich.
Als dann das Tout Terrain Gravel-Bike mit Dropbar-Schalthebeln von Cinq erwähnt wurde, war ich ganz Ohr. Bislang konnte man nämlich nur per Drehschaltung am Griff die Gänge wechseln. Das erinnert mich an mein erstes Dreigang-Fahrrad. Ritschratsch, erster, zweiter, dritter Gang. Da kann die Technologie noch so fortschrittlich sein, aber “schalten im Handumdrehen” kommt für mich nicht in Frage. (Zumindest, solange ich die Wahl habe.)
Freundlicherweise wurde uns das gute Stück für eine Testfahrt am Nachmittag zur Verfügung gestellt.

Tres chic! Spaß macht es auch!

Wenn es um den Gepäcktransport am Fahrrad geht, muss die Marke Ortlieb fallen. Unser nächster Stopp. Ein Name der für Qualität in Sachen Radtaschen steht. Zwar habe ich schlechte Erfahrungen mit dem Reißverschluss der Rahmentasche aus der Bikepacking-Serie gemacht, doch auf die klassischen Back-Roller, die an so vielen Rädern hängen, lasse ich nichts kommen. Wasserdicht, robust und leicht in der Handhabe (wenn man sie nicht gerade mit 20 Litern Wasser vollpackt), haben sie mich schon auf der ganzen Welt begleitet: Angefangen bei meiner ersten Radreise vom schönen Taunus in die katalanische Metropole Barcelona, über etwas herausfordernde Touren durch das australische Outback, bis hin zu expeditionsmäßigen Ausflügen durch das Pamir-Gebirge in Tadschikistan – stets mit dabei und immer noch im Einsatz (seit ich den Luxus genieße meinen Arbeitsweg auf dem Rad zurückzulegen).
Seitdem ich den Umfang meines Reisegepäcks reduziert habe, bin ich mit der Sattel- und Rahmentasche aus der Bikepacking-Linie unterwegs. Ein Erfahrungsbericht nach zwei Jahren Nutzung folgt in Kürze.

Cockpit

Dan wurde uns stolz die aktualisierte “Farbvariante” der Bikepacking-Linie präsentiert: schwarz. !. Schwarz als Antwort auf die hohe Kundennachfrage. Bei Sportbekleidung und Zubehör und der “Farbe” Schwarz, wird mir auch immer direkt schwarz vor Augen. Schwarz. Genau die Farbe, die für gute Sichtbarkeit steht. Ach, am besten ich fange gar nicht erst an.
Noch mehr Kopfschütteln meinerseits und in der gesamten Runde, rief lediglich die Bemerkung hervor, dass es fast genauso viele Anfragen dazu gebe, Katzenfotos und andere Haustiere auf die Back-Roller-Taschen zu drucken.
Doch solange der gesamte Produktionsprozess umgestellt werden muss, um ein anderes Motiv oder Farbe herzustellen, obliegt die individuelle Radtaschengestaltung weiterhin der Privatperson. Ich bin nicht böse drum.
Nach Vorstellung des neuen preisgekrönten Rucksacks, den ich mir zufälligerweise erst zwei Wochen zuvor gekauft hatte, sowie eines praktischen Rucksack-Adapter-Systems für die Radtaschen, ging es mit geschlossener Blogger-Equipe zum gleichfalls renommierten Radreifenhersteller Schwalbe.

Reifen…

Lasst uns also über Reifen sprechen. Was erwarte ich von einem Reifen? Rund soll er sein.
Aber im Ernst: Für das Rennrad sollte er möglichst langlebig und robust, dabei aber möglichst leicht mit geringem Rollwiderstand sein. Die Eier legende Wollmichsau eben. Für das Mountainbike ebenfalls gerne leicht, unplattbar, und ein guter Kompromiss aus Halt in unwegsamen Gelände und guten Rolleigenschaften, wenn man es mal laufen lassen kann.
Für den alltäglichen Gebrauch wünsche ich mir eigentlich nur unkaputtbare Reifen. Schließlich gibt es wenig Schlimmeres als im dunklen Winterwald bei Schnee und Minusgraden einen Reifen wechseln zu müssen. Und auch sonst kommt ein Platten auf dem Arbeitsweg selten gelegen.
Schnell wird klar: Ein Thema über das man sich ausgiebig unterhalten kann. Deshalb möchte ich den Aufenthalt am Schwalbe-Stand nur auf das für mich Neue lenken: Reifen ohne Luft.
Seit einiger Zeit erfreuen sich schlauchlose Systeme (tubeless) zunehmender Beliebtheit. Entsprechend überrascht war ich über die das neue luftlose Reifensystem von Schwalbe. Nicht etwa aus Vollgummi, sondern mit Schaumstoff als Luftersatz. Mit diesen Reifen würde einem das Flicken und Pumpen auf immer erspart bleiben.
Wir wurden aber ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, dass man diesen Reifen unbedingt Probe fahren sollte, da der “Reifendruck” einem Luftreifen mit 3 bis 3,5 bar entspricht. Das ist relativ wenig und muss man mögen. Ich stelle mir aber auch vor dadurch einen zusätzlichen Fahrkomfort zu haben. Nicht zu verachten bei oftmals unvorteilhaften Radwegen und geflickten Straßen. Bei dem Schaumstoff handelt es sich übrigens um die gleiche Zusammensetzung, die bei den Schuhen der Adidas boost Reihe zum Einsatz kommt. Von Adidas wird das System gar als energiespendend beworben. Auf jeden Fall würde es mich interessieren, wie sich die Reifen im Alltag so machen.

Außen ein normaler Reifen, innen sieht es aber anders aus. Irgendwie luftlos. Das neue Airless-System.

Süßigkeiten, Taschen, Getriebe, Reifen. Fehlt noch was zur Absicherung des Zweirads, sollte man wirklich mal eine Fahrpause einlegen. Wir landeten beim Stand von Abus. Allein schon die Optik des Herren in dunkelblau strahlte Sicherheit und Seriösität aus. Seinen interessanten und fachkundigen Vortrag leitete er allerding mit einer Warnung ein: “Jedes Schloss ist knackbar!”
Gefiel mir ausgesprochen gut.
Wir lernten die Vor- und Nachteile verschiedener Schlossoptionen kennen. Die aktuell größtmögliche Sicherheit, bzw. Schwierigkeit (je nach Sichtweise), bietet das Bügelschloss. Abstufend folgen Falt- und Kettenschlösser.
Was ich außerdem mitnehme, mal abgesehen davon für welche Schlossart/en ich mich entscheide, ist, wie ich mein Fahrrad am besten anschließe. Nach Möglichkeit sollte man sein Schloss möglichst weit oben anbringen, um dem Dieb die Möglichkeit zu nehmen sein ganzes Körpergewicht zum Aufhebeln einsetzen zu können. Zudem kann bei der bodennahen Anbringung des Schlosses der Boden als Gegenlager genutzt werden.

Was erhöht die Sicherheit noch? Zwei verschiedene Schlösser einsetzen, da die meisten Langfinger auf nur eine bestimmte Schlossart spezialisiert sind bzw. Das entsprechende Werkzeug mitführen. Unabhängig davon welches Schloss man verwendet, sollte dieses eng und mit wenig “Luft” zwischen Rad und Schloss angebracht werden. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit das Rad beim Aufbrechversuch zu beschädigen, was einen Diebstahl schon nicht mehr interessant macht. Letztlich geht es immer darum den Zeit- und Arbeitsáufwand zu erhöhen, denn: “Jedes Schloss ist knackbar!”

Herrliche Kulisse für die unzähligen Radrennen, von Fixie bis Cargobike.

Das war der abschließende (höhöhö) Teil unseres Rundgangs. Ich war mehr als froh über die geführte Tour, denn in den folgenden Stunden wurde ich schlichtweg überwältig von der Vielfalt des Ausstellerangebots. Auf der Velo Berlin werden zwei Dinge deutlich: Erstens ist Fahrrad nicht gleich Fahrrad und zweitens ist Fahrrad fahren und die Fahrradkultur so unglaublich viel mehr als ein Sport- oder Transportmittel. Das Fahrrad und ich finde diese Messe verschafft einen guten Überblick, ist Ausdruck der Persönlichkeit, eines Lebensgefühls. Zumindest kann es das sein. Dabei möchte ich es zunächst belassen. Weitere Eindrücke folgen in einem gesonderten Beitrag. Soviel kann ich aber jetzt schon verraten: Wenn es sich einrichten lässt´, werde ich mich im kommenden Jahr wieder auf den Weg in die Hauptstadt begeben. Dann hoffentlich auf dem eigenen Rad.

Vielen lieben Dank an alle die dieses Wochenende so großartig gemacht haben. Unter anderen: Tom von bikingtom , Patrick von born2.bike, Hans vom Podcast fahrradio,  Nhat Quang Tran von VeloQ und Leona von heimatnomadin – Macht et juut und bis bald!

Diese Diashow benötigt JavaScript.