Bergfest und täglich grüßt…

Bergfest und täglich grüßt…

Der verunglückte Campingversuch endete nur wenige Kehren weiter auf einem abgeschiedenen Feldweg. Ein älteres Wandererpärchen wollte mir einen noch besseren Platz zeigen, aber da war mein Lager bereits hergerichtet. Während ich ein Käse-Fisch-Baguette zusammenstellte, fragte ich mich, ob das nun Stilbruch war. Doch was kümmern mich auf Reisen schon kulinarische Gepflogenheiten… Es war lecker und veredelte mir die Aussicht auf das Tal der Isere und den mächtigen Iseran, den ich hoffte am nächsten Tag erradeln zu dürfen.

Im zweiten Camp hatte ich noch bessere Aussicht und wurde auch nicht mehr gestört. Den Iseran im Blick.

Ich erwachte mit einer positiven Grundstimmung und wurde am Ende der morgendlichen Abfahrt bestätigt: Der Pass über den Iseran war geöffnet! Jawollja!

Je nachdem ob man Bourg St. Maurice oder Seez als Ausgangspunkt nimmt, misst der Anstieg zwischen 44 und 48 Kilometer Länge. Am Vortag hatte ich mich mit jeweils 20 und 30 Kilometern bereits herangetastet. 1900 Höhenmeter galt es zu überwinden. On y va.

Sehr schnell wich die Vorfreude diesen Brocken zu überwinden der Anstrengung und dem Stress auf der stark befahrenen Straße unterwegs zu sein. Es war ein mühsames Vorankommen und ich benötigte lange um so etwas wie einen Rhythmus zu finden. Auf fast 50 Kilometern würde ja genügend Zeit sein. Wie ein Mantra sagte ich mir im Geiste: “Langsam, aber stetig…” (Nee. Eigentlich sagte ich slow and steady). Bis ich irgendwann gar nichts mehr dachte, oder durch die Eindrücke der Natur abgelenkt wurde. Wasserfälle brausten die Bergklippen herab und gewaltig präsentierte sich die Staumauer vor dem beschaulichen Winterort Tignes.

Die Staumauer von Tignes.

Tignes 1800 warben die Schilder am Straßenrand. Und ich dachte an Staubsauger. Dann feierte ich den ersten kleinen Erfolg, als ich realisierte, dass es nun noch weniger als 1000 Höhenmeter bis zum Gipfel waren.

Auf die Freude folgte Ernüchterung: Tunnel! Oh, wie sehr ich Tunnel verabscheue. Dunkel, feucht, laut. Dazu meist dreckig und mit exorbitant hohen Randsteinen versehen. Definitiv kein Ort für Radfahrer.

Wenig später erreichte ich Val d’Isere, das ich selbstverständlich als Anlass für eine Pause nahm. Mit noch immer 900 zu kletternden Höhenmetern, verteilt auf 15 Kilometern, hatte ich noch ein gutes Stück Arbeit vor mir.
Das schrie nach Espresso. Doppelt. Viel Zucker. Frisches Brioche ergänzte meinen Vormittagssnack. Geil!

Mit etwas volleren Energiespeichern ging es weiter. Das allerbeste: Hinter Val d’Isere fuhren keine Autos mehr! Dafür umso mehr Radfahrer. Herrlich! Auch landschaftlich ging es nochmals kräftig nach vorne. Und so schnell wurde aus Quälerei, Genuss.

Traumhaft.
Ganz weit oben. Ganz schön glücklich.

Erstmals schienen die umliegenden Bergriesen zum Greifen nahe. Es herrschte eine Ruhe, wie man sie nur in den Bergen findet. Und so schlängelte ich mich immer weiter nach oben. Auf den anstrengenden letzten Kehren pfiff ein frischer Wind. Ein Fotograf machte es sich zum Geschäft die Radfahrer in der letzten Kehre abzulichten und verteilte dazu seine Visitenkarten.

Im Radfahrhimmel.
Da ist das Ding!

Auf dem Gipfel herrschte reges Treiben. Natürlich hauptsächlich Fahrradfahrer, die ihren Triumpf feierten. Entsprechend lange dauerte es, bis ich an der Reihe war um mein Gipfelfoto schießen zu lassen. Anschließend ergatterte ich einen windgeschützten Platz in der Sonne und bereitete meinen Bergsnack zu: Baguette, Saucissons de Sanglier, Tomme. Regional. Phänomenal.

Bon Appetite!

Während ich genüsslich in mein reichhaltiges Baguette biss, kruschpelten die anderen Radfahrer die Energieriegel aus den Verpackungen.

Mein Banknachbar, ein Schweizer, verwickelte mich in ein Gespräch und war natürlich interessiert an meinem Vorhaben. Schließlich war es da einzige mit Packtaschen bestückte Fahrrad auf dem Berg. Mit einem Zwinkern bezeichnete er mein Vorhaben als “Provokation” den anderen Radlern gegenüber. Es war ein Lob, aber gleichzeitig stimmte es mich etwas wehmütig nicht auch mal auf einem leichten Rad die Anstiege zu erklimmen.

Und auch auf der langen Abfahrt gab es viel zu sehen. Wahnsinn!

Nachdem wir uns über unsere Routen ausgetauscht hatten und mein Baguette verputzt war, machte ich mich auf die Abfahrt. Das Schöne an einer langen Auffahrt: Die anschließende lange Abfahrt! Und mal wieder blieben landschaftlich keine Wünsche offen.

Als das Gefälle sich weiter unten etwas mäßigte, spürte ich plötzlich die Erschöpfung. Der Hintern schmerzte und auch sonst war merklich die Luft raus.

Nach einem kleinen Gegenanstieg auf den kleinen Col de la Madeleine, der nicht mit dem fast 2000 Meter hohen und wesentlich berühmteren Namensvetter zu verwechseln ist. Von dort war es nicht mehr weit bis ich die nächsten Siedlungen erreichte.

Nicht DER Madelaine. Aber das Gipfelschild wollte trotzdem abgelichtet werden.

Ein kleines Schild machte auf einen Campingplatz aufmerksam und beschloss ich kurzerhand den Tag dort zu beenden. Ohnehin war es mal wieder Zeit für eine Dusche. Der höchste Berg und auch mehr als die Hälfte der Berge, die ich mir vorgenommen hatte, lagen hinter mir. Bergfest. Das schrie nach Bier. Geduscht, rasiert und glücklich über das Erreichte lies ich den Abend auf dem angenehm ruhigen Zeltplatz ausklingen.

Feierabend. Bergfest.

Der nächste Morgen war kalt und klar. Die gegenüberliegende Bergspitze glühte und ich trank meinen Kaffee aus dem ausgekratzten Nuss-Nougat-Becher. Ulle lässt grüßen.

Café a la Ulle. (Kein Eigenblut!).

Trotz der erholsamen Pause, zog mein Hintern in den ersten Stunden des Tages noch immer die volle Aufmerksamkeit auf sich. Der Aufstieg zum Mollard begann und ich hatte keinen Anhaltspunkt wie lange dieser Anstieg sein würde. Auf dem Campingplatz hatte ich eine Fahrradkarte mit diversen Routenvorschlägen gefunden und meine ursprünglich geplante Tour entsprechend abgewandelt.

Anhand dieser Karte plante ich meine Tour um.

Nach Ewigkeiten erschien ein Schild, das mir noch 6 Kilometer bis zum Gipfel anzeigte. Noch immer hatte ich keinen Rhythmus gefunden und drückte einfach weiter bergan. Allein die Gewissheit, dass ich bald auf dem Gipfel ankommen würde, trieb mich an. Unzählige Haarnadelkurven machten mich schwindelig. Der Belag war Mist. Und überhaupt…
Wie ich heute weiß, waren es insgesamt gute 18 Kilometer. Merke: Alpenanstiege sind einfach nur lang.

Mühsam, aber auch im Sack.

Die schwüle Hitze kündigte es wieder an. Gewitter lagen in der Luft. Ein Blick auf das Meer aus Bergen bestätigte meine Annahme: Dunkle Wolken zogen auf. Und täglich grüßt das Murmeltier.

Nass.

Nach der Abfahrt kündigten Hinweisschilder bereits den nächsten Col mit dem wohlklingenden Namen: Croix de Fer. Ein Paradebeispiel für den harten Klang der deutschen Sprache: Berg des eisernen Kreuzes. Prost Mahlzeit.

Wieder ein 2000er erklommen.

Nieselregen begleitete mich in den Anstieg, der läppische 14 Kilometer maß. Auf halbem Weg hielt ich in einem verschlafenen Bergdorf und musste erstmal den Wirt suchen, der mir meinen Nachmittagskaffee zubereitete. Derweil nutzte ich die Regenpause, um draußen mein Zelt zu trocknen. Die verbleibenden sieben Kilometer auf den Gipfel, kommentierte der Wirt mit “c’est bon!”. Was auch immer das bedeuten sollte.

Die gezuckerte Koffeinbombe wirkte wahre Wunder und mit lange Zeit vermisster Leichtigkeit flog ich die acht und neun prozentigen Steigungen nach oben. C’est bon!
Regen, Abfahrt, kurzer Gegenanstieg und zack hatte ich auch den Col du Glandon besucht.

Mitgenommen: Col du Glandon.

Weiter nach unten und eiskalter Regen ließ es kurz unangenehm werden. Ein Traum von Bergsee präsentierte sich in der Sonne, die sich hier und da durch die Wolken kämpfte.

Bergseeidylle
Der Blick zurück.

Die Uhrzeit war weit fortgeschritten und es mangelte mir an drei Dingen: Trinkwasser, Essen und Schlafplatz. Mit diesen Gedanken ging es völlig unerwartet steil nach oben. Das Unwetter verzog sich endgültig, die Sonne ballerte und endlich ging es auch für mich leichter. Eine lange Abfahrt durch Wälder und Bergdörfer. Eine Quelle und schon konnte ich ein To-Do meiner imaginären Liste streichen.

In Allemond, ebenfalls wunderschön an einem Stausee gelegen, fand ich eine Boulangerie und wählte außer einem Baguette eine große Wolke Meringue, von diesem Punkt an mein Energielieferant der Wahl. Gegenüber lag ein Campingplatz und beinahe war ich geneigt auch den letzten Punkt meiner Aufgabenliste zu streichen. Doch ich war ja erst gestern auf einem Campingplatz und hatte am Morgen nochmals geduscht. Ein zweiter Blick offenbarte außerdem, dass der Platz gnadenlos voll war und ich dort erfahrungsgemäß keine Ruhe finden würde. Weiter!

Ich fuhr tief in einen Wald hinein und begnügte mich schließlich mit einem “okay-en” Plätzchen. Nachdem ich dann fast von scheuenden Pferden zertrampelt wurde, konnte ich mich endlich entspannen. Offenbar zeltete hier sonst niemand.

In der Nacht tobten weitere Gewitter. Jeder Donnerschlag ließ mich zusammenzucken, da der Schall von den steilen Bergflanken zusätzlich verstärkt wurde. Am Morgen war der Spuk vorbei und lediglich die Tropfen, die von den Bäumen fielen, und natürlich mein glitschnasses Zelt, erinnerten an den Regen. Täglich grüßt…

Und nun? Alpe d’Huez. Naja, im nächsten Beitrag 😉