In flagranti und Anstiege der dritten Dimension.

In flagranti und Anstiege der dritten Dimension.

Nachdem ich am Morgen nochmals von den frischen Heidelbeeren genascht hatte, ging es die verbleibenden Kilometer hoch auf den Col des Saisies, dessen Name mir entfallen ist. Nach der entspannenden Abfahrt entglitten mir plötzlich alle Gesichtszüge: 20 Kilometer zum Cormet du Roselend. Sacre bleu!

Nachdem ich am Vorabend lange mit diesem Berg gekämpft hatte, erreichte ich am nächsten Morgen zügig den Gipfel.
Alpenidylle auf der Abfahrt vom Col de Saisies.

Die Höhenmeter des Vortags steckten mir in Kopf und Beinen. Entsprechend mühsam empfand ich die Steigungen von acht und neun Prozent auf dem eher mittelmäßigen Straßenbelag. Immerhin ging es durch den Wald und ich war vollkommen ungestört. Bis auf einen ambitionierten Sommerlangläufer auf Inlineskates, der mir mit seinem gehörigen Tempo das Leben schwer machte (Ich konnte doch nicht von einem Skater überholt werden!).

Die Straße entlang des Bergsees bot etwas Zeit zum Verschnaufen.

Nachdem es für gefühlte Ewigkeiten durch den Wald ging, wurde es auf einmal flach und ich dachte schon ich hätte den Gipfel erreicht. Doch da war erst Halbzeit. Ein wundervoller Bergsee lag seelenruhig in der Morgensonne. Nach einer halben Runde um den See stieg die Straße wieder an und schlängelte sich nun durch das Felsmassiv.

Imposanter Straßenverlauf auf dem letzten Stück auf den Roselend.

Vom See waren es nochmals sechs Kilometer, die sich trotz der unveränderten Steigungsprozente, leichter anfühlten. Das mag an der Kulisse gelegen haben, oder an der überteuerten Limonade, die ich entlang des Sees an einem Touristenkiosk von einer unfreundlichen Frau gekauft hatte. Den Cormet du Roselend werde ich als einen der schwierigsten Berge in Erinnerung behalten. Landschaftlich war er jede Mühe wert.

Kurz vor dem Gipfel. Der Blick zurück.

Der Gipfel lag knapp unterhalb der 2000 Meter Marke und mit den Anfangskilometern auf den Col de Samiens hatte ich schon jetzt 1500 Höhenmeter überwunden. Auf der Abfahrt machte sich die Müdigkeit durch eine beinahe fatale Unaufmerksamkeit bemerkbar: Ich bremste zu spät, wurde weit, viel weiter, aus der Kurve getragen als erwartet und wäre um ein Haar in den Abgrund gestürzt. Adrenalin 1000. Ich weiß nicht wie, aber durch eine turnerische Meisterleistung behielt ich gerade noch so die Balance und hielt das Rad auf der Straße. Puh!

Wohin man sah, Augenweiden überall.
Verdient – Das Gipfelfoto.
!

Im Tal sah ich das Schild für den Col d´Iseran. Darunter die kleine Tafel mit der Aufschrift: Fermé – Geschlossen. Mist. Zwar hatte ich vorher noch einen anderen Berg auf meiner Liste, aber wenn der Iseran heute geschlossen ist, würde er dann morgen geöffnet sein?

In einer Boulangerie erkundigte ich mich und erfuhr, dass die Straße aufgrund eines Erdrutsches (Regen!) bereits seit einer Woche gesperrt war. Mhm. Erstmal hoch auf den Col du Petit St. Bernard, der mich nach Italien führte. 30 Kilometer. !!!. Ich hielt extra nochmal am Schild an, weil ich es nicht glauben konnte: 30! Man gönnt sich ja sonst nichts.

Mit einer durchschnittlichen Steigung von fünf Prozent das gleich Programm wie der Roselend. Doch der kleine Bernand, oder wie ich am wohlklingensten finde auf italienisch: Piccolo San Bernardo (wem geht da nicht schon beim hören das Herz auf?!), hat ebenso viele Höhenmeter (1200m). Es gab kein langes Flachstück an einem Bergsee entlang, dafür war es aber auch sonst nicht so steil und ich konnte die Aussicht voll und ganz genießen. Einzig auf den letzten Kilometern, als die schiere Länge des Berges zu spüren war, mühte ich mich ein wenig.

Einmal Italien und zurück. Piccolo San Bernardo.

Mein Italienisch ist noch schlechter als mein Französisch. Ich konnte mich gerade wieder an einige Floskeln und Vokabeln erinnern, die mein Gehirn irgendwann in der Schulzeit gespeichert hatte. Auch wenn ich aufgrund der unsicheren Lage auf dem höchsten Pass der Alpen mehrmals drüber nachdachte noch einen Schlenker durch Italien zu machen, hielt ich am Prinzip Hoffnung und an dem ursprünglichen Plan, meiner persönlichen Tour de France, fest und kehrte an der Grenze wieder um.

Auf dem Weg nach oben hatte ich mir schon ein nettes Plätzchen für mein Lager ausgeguckt. Doch da hatte ich die fette Schranke mit dem Schild “Propiété Privé” nicht gesehen. Und die Schranke mit welcher die Einfahrt zu dem Ferienhaus abgegrenzt war. Egal, dachte ich mir. Es war später Nachmittag, kein Auto weit und breit und bewohnt sah das Haus auch nicht aus.

Also machte ich es mir auf der weitläufigen Sommerwiese gemütlich und breitete mich nach Lust und Belieben aus. Erstmal raus aus den Klamotten. Das beinhaltete auch mein tägliches Ritual der Reinigung. Seitdem ich einmal mit schlimmsten Sattelwunden durch Australien gefahren war (Tränen in den Augen), hatte ich es auf die harte Tour gelernt meinen Sitzbereich stets pflegsam zu umsorgen. Feuchte Tücher und Babypuder sind seit jeher immer im Gepäck und kommen jeden Abend rituell zum Einsatz.

Da stand ich nun auf der schönen Wiese hinter dem Ferienhaus und wischte mir nackend am Gesäß herum. Dann hörte ich, wahrscheinlich noch rechtzeitig, knirschenden Kies und das ersterbende Motorengeräusch eines Autos. Ich griff mir mein schmal bemessenes Reisehandtuch und versuchte zu bedecken, was es zu bedecken galt. Als ich mich umdrehte zeterte eine Frau mit in die Hüften gestemmten Händen auf mich ein. In flagranti.

Hochroten Kopfes entschuldigte ich mich so gut es ging und fragte bittend, ob ich denn nicht eine Nacht mein Zelt aufstellen könnte. Doch die Antwort wusste ich schon vorher.

Ich zog mich wieder an, packte zusammen und rollte betröppelt den Berg nach unten. Hoffend, dass ich möglichst bald ein zweites, sicheres Lager finden würde…

Im zweiten Camp hatte ich noch bessere Aussicht und wurde auch nicht mehr gestört.