Zicke Zacke, hoch, hoch, hoch!

Zicke Zacke, hoch, hoch, hoch!

Ach du dickes Ei! Es regnete seit Stunden und ich war auf der Route des Grandes Alpes unterwegs. Die Straßenschilder trugen Namen die Herzen von Skibegeisterten und Radsportenthusiasten höher schlagen lassen. Für mich war es Morzine-Avoriaz. Gänsehaut wäre untertrieben. Was man während der Fernsehübertragungen der Tour de France nicht sieht, ist der Verkehr der auf dieser Route herrscht. Für mich wurde die Straße nämlich nicht gesperrt. Sei es drum. Noch beschleunigten Glücksgefühle und Adrenalin meinen Kreislauf.

Klein aber oho!

Dann bog ich in Richtung des Col du Corbier ab. Mein erster Alpengipfel auf dieser Route. Der Regen wurde stärker und mit jedem Höhenmeter schien die Temperatur um ein paar Grad abzusinken. Auf die anfängliche Euphorie folgte erstmal Gleichgültigkeit und mit steigender Anstrengung ein Gefühl, das sich am ehesten als sture Quälerei beschreiben lässt. Glücklicherweise fühlte ich mich körperlich gut, ansonsten wäre es eine überaus grausame Angelegenheit geworden. Wenn ich das jetzt im Nachhinhein so aufschreibe komme ich mir wie ein Jammerlappen vor. Aber das ist der Klang, der aus meinen Tagebucheinträgen mitschwingt. Jammerlappen. Wenn ich mir das Gipfelfoto betrachte und mich an mein durchgesogenes Baguette erinnere, muss es wohl so gewesen sein.

Totale Zerstörung in vollem Gange.

Getrieben durch den Willen nicht schon am ersten Alpengipfel kehrt zu machen, kam ich nach den brutalen letzten drei Kilometern mit neun Prozent Steigung oben an. Außer Regen und Nebel erwartete mich eine trostlose Schutzhütte neben dem Gipfelschild. Foto, Baguette, Gummibärchen, Tschüss. Adieu!

Alpentristesse.

Gerne hätte ich gesagt, dass es ein gutes Aufwärmprogramm für den anstehenden 14km-Knaller hoch nach Avoriaz gewesen war, doch mir einfach nur kalt und ich war froh, dass ich noch ausreichend Griffkraft aufbringen konnte um die Nassen Haarnadelkurven auf dem Weg nach unten zu durchfahren. Regentropfen wie eiskalte Nadelstiche. Freude am Fahren – Ganz. Sicher. Nicht!

Was mich erwartete.

Das nächste Steigungsprofil zeigte 14 Kilometer mit einer durchschnittlichen Steigung von acht Prozent an. Nicht schlecht. Mon dieu! Als ich losfuhr, glaubte ich irgendwie nicht dran. Tatsächlich legte das ungemütliche Wetter eine Pause ein und endlich konnte ich die Aussicht und auch das Fahren genießen. Ein Wechselbad der Gefühle. Habe ich schon die Aussicht erwähnt?!

In den Wolken, aber endlich mit Weitblick.

Nach jeder Kehre wurde es besser und ich kam aus dem Staunen nicht mehr raus. So konnte ich ewig weiterfahren. Ich passierte den Col du la Joux Verte (1760m) und erreichte kurze Zeit später die surreale Skistation Avoriaz (1800m). Einmaliges Bergpanorama trifft auf holzvertäfelte Hotelbauten aus den Siebzigern.

Bisschen durch, aber irgendwie glücklich. Gipfelfoto in Avoriaz.

Tatsächlich lies sich immer mal wieder die Sonne blicken, als ich mich auf den letzten Metern zu der Skistation befand. Dann war es einfach nur still. Kein Leben weit und breit. Ich schoss mein Foto und fragte mich, wie der Tag jetzt zu Ende gehen sollte. Es war später Nachmittag und auf jeden Fall musste ich in die gleiche zurück aus der ich gekommen war.

Und dann kam Guillaume. Scheinbar aus dem Nichts prasselte ein Schwall Französisch auf mich ein. Je ne parle pas francais (dieser Satz sitzt sogar noch besser, als das tägliche: une baguette s’ils vous plait). Und dann wurde ich mit, für französische Verhältnisse, passablem Englisch überrascht.

Da steht sie. Meine Einladung für einen Schlafplatz.

Der Fremde lobte mein Rad und war an den Packtaschen interessiert. Natürlich hatte er ein Faible für Fahrräder. Und prompt folgte die Frage ob ich schon einen Platz zum Schlafen hätte. Ich verneinte und erhielt die Einladung in seinem Appartment zu übernachten. Oui, merci, bien sur! Merci beaucoup!!!

Er müsse nur noch ein paar Erledigungen machen. Also packten wir mein Zeug in das kleine Zimmer in den eigenartigen Holzhochhäusern und liefen zum klapprigen, roten Renault. Ich nahm ein paar Snacks auf die Hand und hätte mir erstmal eine Dusche gewünscht, aber natürlich war ich mehr als erleichtert einen trockenen und warmen Schlafplatz zu haben.

Während wir durch die Berge kurvten lernte ich meinen Gastgeber und die Umgebung besser kennen. Guillaume, der seit wenigen Monaten in Avoriaz als Elektrotechniker arbeitete und lebte, war begeisterter Wanderer und wollte demnächst auch mal eine Radreise unternehmen. Daher sein Interesse. Immer wieder zeigte er auf einen Punkt in der Ferne und erklärte mir, dass dort der Mont Blanc sei. Heute sah man vor allem Wolken, die sich während unserer Fahrt immer wieder abregneten.

Irgendwann waren wir am Ziel und ich hatte in der Zwischenzeit einen Mordshunger entwickelt. Im Supermarkt kauften wir ein Baguette und eine Tafel Schokolade. Wohltat. Guillaume kaufte eine Wanderkarte für seinen nächsten Ausflug. Mit einsetzender Dunkelheit fuhren wir die nassen, dunklen und weiterhin kurvigen Straßen zurück. Natürlich hatte ich dabei wieder einen beachtlichen Appetit aufgebaut und Guillaume schwang sich an die Kochplatten während ich meine wohlverdiente Dusche nahm.

Als ich mich nach dem Abendessen hinlegte dachte ich noch: Was für ein Tag! Danach nur noch Leere und Dunkelheit in meinem Körper.

Am nächsten Morgen regnete es wieder. Ich räumte meine Sachen auf und hatte überhaupt keine Lust zum Radfahren. So gar nicht. Guillaume bot mir an eine weitere Nacht zu bleiben und bevor er seine Einladung ganz ausgesprochen hatte, bedankte ich mich überschwänglich. Entsprechend feierlich starteten wir den Tag und gingen in einem Café frühstücken. Danach musste mein Gastgeber für ein paar Stunden arbeiten und ich nutzte die Zeit um meine Klamotten zu waschen und den Inhalt meiner Packtaschen zu ordnen.

Das triste Wetter kreierte einen unvergesslichen Anblick auf die Bergstation. Mystisch waberten Wolken und Nebel um die Appartmentgebäude, die hier oben irgendwie außerirdisch wirkten. Ein Panorama, das ich so schnell nicht vergessen werde.

Die Stadt in den Wolken. Surreal.

Am Nachmittag unternahmen wir eine kurze Wanderung in der Hoffnung einen Blick auf den Mont Blanc zu erhaschen. Doch wie zu erwarten hingen die dunklen Wolken dicht und tief in den Bergen und verhinderten den Fernblick. Auf dem Rückweg zog der nächste kalte Schauer auf und ich sehnte mich nach dem gemütlich warmen Appartment. Das war genug Frischluft und Bewegung für heute.

Mein Gastgeber während einer kleinen Wanderung. Im Hintergrund: Avoriaz.

Mit Tee und Waffeln wärmten wir uns wieder auf. Ein Freund und Arbeitskollege von Guillaume schaute vorbei und ich konnte meine Französischkenntnisse testen.

Bereits am Abend verspürte ich schon wieder die Lust aufs Fahrradfahren. Es ist jedes Mal aufs Neue erstaunlich, wie gut so ein Tag Erholung sein kann.

Als ich am nächsten Tag erwachte ging mein erster Blick nach draußen – was machte das Wetter? Es war ähnlich bescheiden, wie am Vortag. Aber ich wollte los. Der noch äußerst schläfrige Guillaume schaute mir zu, wie ich eine Riesenladung Müsli in mich reinschaufelte. Danach musste ich mich nur noch auf das zur Abfahrt bereite Rad setzen und war wieder auf dem Weg. Abfahrt war in diesem Sinne wörtlich zu nehmen, denn es zurück nach unten.

Während der nass-kalten Abfahrt wurde es heller und die Wolken lichteten sich ein wenig. Dann begann der Anstieg zum Joux Plane und schnell spürte ich, dass das Müsli noch nicht verdaut war. So musste ich mich auf den ersten fünf Kilometern ganz schön quälen. Gut, dass danach noch neun Kilometer übrig waren, die ich voll und ganz genießen konnte. Und überhaupt wurde es hinten raus so richtig gut. Ich war allein auf der Straße. Wald und Wiesen wechselten sich ab und auf den letzten Kilometern sah ich ihn dann doch noch den Mont Blanc!

Mont Blanc, Mont Blanc!

Die Belohnung den ersten langen Tagesanstieg gemeistert zu haben wurde zusätzlich mit einem unvergesslichen Panorama belohnt. So konnte jeder Tag starten.

…weggefrühstückt.

Auf den engen Haarnadelkurven nach Cluses kamen mir die ersten Rennradfahrer entgegen, die sich von der anderen Seite nach oben mühten.

Ungestört nach unten.

Es ging jetzt Schlag auf Schlag. Der Col de la Colombiere wartete bereits. Ein Junge warf mir ein schelmisches allez, allez entgegen, als ich die kleine Kapelle im Blick hatte, welche den Start des Anstiegs markiert. 1140 Höhenmeter standen zwischen mir und dem Gipfel. 18 Kilometer Radsportgeschichte zum nachfühlen oder genießen.

Das tückische an diesem Berg sind die fiesen Schlusssteigungen. Zu Beginn gewinnt man kaum merklich an Höhe und fährt durch den schattigen Wald. Auf den letzten Kilometern gilt es dann mit Blick auf den Gebirgspass Steigungen von 10 Prozent zu überwinden.

Geil.

Gipfelfoto. Snickers. Jacke. Abfahrt.

Im Hintergrund die eindrucksvolle Aravis-Bergkette

Die Aravis Bergkette, scharfkantig und markant wie der Name, war der nächste Augenschmaus an diesem Tag. Dieser Tag war Reizüberflutung im bestmöglichen Sinn. Wenn ich das jetzt so schreibe, weiß ich garnicht, wie ich es mich überhaupt noch hier hält und warum ich mich nicht auf dem Weg in die Berge befinde.

Nochmal Aravis. Einfach schön.

Am Fuße des Colombiere, also auf der anderen Seite, herrschte buntes Markttreiben. Sommerstimmung wie sie im Buche steht. Mit einem Reblochon Baguette, dem Käse der Region, ließ sich die Szene gleich noch besser beobachten.

Nach den beiden Höhepunkten musste ich erstmal wieder runterkommen. Die Temperaturen stiegen und mein Metabolismus lief auf Hochtouren. In Flume, einem verschlafenen Örtchen, entdeckte ich ein kleines Geschäft. Die freundliche Oma hinter der Theke belegte mir liebevoll das zweite Baguette des Tages. Im Schatten einer plätschernden Quelle, mitten im Dorf, hielt ich eine kurze Siesta.

Diesen Kurven konnte ich nicht widerstehen und machte mich auf zum letzten Berg an diesem Tag.

Ein bisschen Gas war noch im Tank. Als nahm ich langsam aber stetig sammelte ich auf dem dritten Anstieg des Tages weitere Höhenmeter. Es war einer die Tage an denen man sich wünscht, dass sie nie enden sollen. Irgendwann übermannten mich die vielen Eindrücke und Müdigkeit und Hunger übernahmen das Ruder.

Und wie sollte es an diesem Tag auch anders sein, boten sich in dem ausgedehnten Waldstück zahlreiche Lagerplätze an. Inmitten von unzähligen Heidelbeersträuchern parkte ich mein Rad, hockte mich hin und begann erst dann mein Zelt aufzubauen als ich blaue Finger hatte und keine Beere mehr in direkter Reichweite war.

Das Höhenprofil meiner geplanten Route. Die hohe Spitze wartet dann im nächsten Beitrag: Der Col d´Iseran!