Steilheit. Regen. Käse.

Steilheit. Regen. Käse.

Wider Erwarten war mein Zecken-Arm nicht abgefallen und auch nicht entzündet. Ich packte ein, fuhr bergab und kehrte in die gut beheizte Boulangerie am Fuße der Abfahrt ein. Un Expresso et un croissant aux myrtilles s’il vous plait. Dann wartete der nächste Belchen darauf erklommen zu werden. Es war eine ruhige, beinahe meditative Fahrt durch den morgendlichen Wald. Ich konnte mich ganz auf mich konzentrieren und über alles und nichts nachdenken. Es war der klassische Flow.

Unschlagbar: Pain au chocolat et expresso.

 

Oh! Schon oben.

Danach wartete der erste Kracher meiner privaten großen Schleife auf mich: La Planche des Belles Filles. 5,6 Kilometer mit einer durchschnittlichen Steigung von 8% klangen machbar. Dieser unrhythmische Berg, der an einer Skistation endet, wartet aber mit Abschnitten in den hohen zweistelligen Prozentwerten. Auf den finalen 200m darf man sich eine saftige 20% Rampe hochwuchten. Aua.

Nach der mit Namen bemalten Wand machte ich ein Bild von einem weniger steilen Stück. Luft!

Die neue Straße war bemalt mit den Namen der Profis, die nur wenige Tage zuvor hier hoch gefahren waren. Dies verdeutlichte nochmal wie steil es war. Man blickte auf eine bemalte Wand mit Straßenmarkierungen. Je größer die Quälerei, desto belohnender das Gefühl. WENN man oben ankommt. Auf dem letzten Stück wurde ich von einem Knirps auf seinem Miniatur-Rennrad überholt. Chapeau! Früh übt sich.

Bäm.

Nachdem ich wieder halbwegs klar war und sich mein Atem etwas beruhigt hatte, konnte ich auch die Aussicht genießen. Gut, dass ich von gestern noch einen Eiskaffee im Gepäck hatte. Wenn er auch nicht mehr so eisig war.
Auf demselben Weg ging es wieder runter. Natürlich war es genauso steil und ich unternahm einen Ausflug in das schmale Kiesbett. Upps!

La Plance des Belles Filles. Einfach nur steil.

In einem heruntergekommenen Ort mit grau-braun, bröckelnden Hausfasaden, war der Atem der Tour noch spürbar. Fahrräder in allen Farben und Formen, Radtrikots und gemalte Plakate (Allez, Allez!) ließen den sonst trostlosen Ort fröhlich und lebendig erscheinen. In diesem Tour-Ambiente fühlte ich mich auch gleich wie ein Rennfahrer. Im selben Moment war ich aber mehr als froh nicht zum Tour-Tross zu gehören. Denn so konnte ich es mir auf einer schönen Parkbank gemütlich machen und genüsslich mein reich belegtes Sandwich (französisch aussprechen!) verdrücken. Leben wie ein Radfahrer in Frankreich!

Ein schönes Plätzchen zum Ruhen. (Finde das Sandwich!)

Einmal mehr wurde es ein schwül-heißer Tag, wie es in diesem Sommer üblich war. In einem angenehm kühlen Supermarkt kam dann der Appetit zurück und ich schlug richtig in die Vollen. Nach ausgiebiger Pause sah es schon wieder nach Regen aus. Bis zur nächsten Bergprüfung waren es noch knappe 200 Kilometer, aber das hügelige Gelände der Vogesen hielt meine Klettermuskeln auf Trab.

Lecker Stöffche.
Straße gesperrt. Nicht für mich.

Dunkle Wolken und Donnergrollen kündigten ein Unwetter an. Seelenruhig und unbeeindruckt vom ungemütlichen Wetter, schnitt ein Bauer seine Hecke. Die einzige Menschenseele an diesem Nachmittag. Kurze Zeit später fand ich einen Waldweg an dem ich mein Lager aufschlagen konnte. Dann brach das Unwetter los. Unter dem Geräusch der heftig prasselnden Regentropfen verspeiste ich mein Abendbrot. Oder nennt man es hier Abendbaguette? Nach einer guten Stunde hellte es nochmal auf, aber so oder so: Mein Tag war zuende.

Nach dem Elsass und den Vogesen bewegte ich mich nun in der Region des Jura zwischen Schweiz und Frankreich. Es wurde ein relativ kurzer Tag, da ich mich nach einer längeren Pause sehnte. Und nach einer Dusche. Ich packte ein ordentliches Stück Comté ein und suchte dann einen Campingplatz auf.

Eine Kante Comté hob ich für das Mittagsbaguette am nächsten Tag auf.

Neben dem auf Zeltplätzen üblichen Geknalle der Autotüren und spät anreisenden Nachbarn, die in der Dunkelheit herumlärmen, konnte ich mich duschen, rasieren, meine Elektronik aufladen und, das Allerbeste, das abschließende Zeitfahren der Tour de France sehen.

Bergseeidylle. Baguettezeit!

In der Nacht kam wieder ordentlich Nasses vom Himmel. Der Morgen war unangenehm kühl und das sollte sich im Laufe des Tages auch nicht großartig ändern. Dafür wurde ich mit klischeehafter Schweizer Landidylle belohnt. Es war wie in einer Modelleisenbahnwelt: Die Kuhglocken läuteten unentwegt und ich fuhr an Bergseen und wilden Blumenwiesen vorbei. Dazwischen boten kleine Bauernhöfe Käse und andere Milcherzeugnisse aus eigener Herstellung an. Die heile Welt. Dort musste sie sein.

Geschmeidig nach oben.

Ganz sanft und stetig ging es nach oben. So sanft, dass ich staunte, als ich das Gipfelschild des Col da la Faucille passierte. Ich genoss die Mittagssonne und suchte mir später einen etwas abschüssigen Waldweg für mein Zelt aus. Was an Komfort fehlte, machte der Ausblick auf Genf wieder wett.

Und plötzlich war ich oben. Auf sanfter Steigung auf den Col de la Faucille.

Und täglich grüßt das nasse Zelt. Immerhin hatte es nachts nicht so arg geregnet, dass mein Zelt weggeschwemmt wurde. Die “Ebene” auf der ich mein Lager auf dem abschüssigen Weg errichtet hatte, war im Praxistest dann doch etwas steiler und unbequemer zum Schlafen als es bei Tage betrachtet den Anschein gemacht hatte.

Camp mit Schräglage. Dafür mit Ausblick auf Genf.

Halb fahrend, halb gehend, aber zum Großteil stolpernd und über den feuchten Untergrund schlitternd, bahnte ich mir den Weg nach unten und zurück zur Straße. Auf der langen, langen, wirklich langen Abfahrt kam ich an keinem geöffneten Lädchen vorbei. Vielleicht war ich auch einfach zu schnell. Das Frühstück musste also warten. Nachdem ich mir nie ganz sicher sein konnte, ob ich noch in Frankreich oder doch schon wieder in der Schweiz war, kam die die Gewissheit beim Baguettekauf: Vier Euro. Ich musste in der Schweiz sein. Mit der kostbaren Backware fuhr ich noch ein Stück weiter nach Genf hinein und erachtete den berühmten Genfer See als angemessenen Ort um mein Frühstück einzunehmen. Auch der Regen legte eine Pause ein. Es war ein grauer Sommertag, der problemlos in den Herbst gepasst hätte. Dadurch ergab sich eine stille und friedliche Atmosphäre. Ich konnte die tiefe und die Wassermassen des ruhigen Gewässers förmlich spüren. Doch allzu schnell wurde ich vom tosenden Berufsverkehr aus meinen Gedanken gerissen und setzte meine Reise fort.

Der Pfad nach unten. Und Lager.

Als die allgegenwärtigen dunklen Wolken das nächste Mal ihren Regen Richtung Erde schickten, hörte es bis zum Nachmittag auch nicht mehr auf.

Petit dejeuner am Genfer See. „Was sich reimt, ist immer gut.“ (Pumuckl).

So schnell ich nach Genf und in die Schweiz hineingefahren bin, so schnell war ich auch wieder in Frankreich und in den Bergen. Die Alpen. Jetzt ging es ans Eingemachte. Und zwar so richtig. Bäm, bäm, bäm, bäm, bäm! Bis hierher war alles Spielerei. Anstiege, keine Berge. War ich fit? Hatten die beiden ruhigeren Tage ausgereicht um die kommenden, Höhenmeter-gesättigten Tage durchzustehen? Ich würde es herausfinden…