Prolog. Auf den Spuren der Tour.

Prolog. Auf den Spuren der Tour.

Im Sommer 2017 besuchte die Tour de France endlich mal wieder Deutschland. Passend zum 200. Geburtstag des Fahrrads. Ich brauche keinen Anlass um ein Radabenteuer zu unternehmen. Aber in diesem speziellen Fall plante ich meine eigene Tour de France.

Nachdem ich den regennassen Prolog in Düsseldorf hautnah verfolgt und mir auch den Start der ersten Etappe am folgenden Tag angesehen hatte, bereitete ich mich auf meine persönliche Tour vor.

Ausreichend erholt und topmotiviert startete ich aus dem heimischen Vordertaunus in Richtung Frankreich. Es sollte eine Tür-zu-Tür-Tour werden. Losfahren und am selben Ort wieder zurückkehren.

Es war Mitte Juli und bislang war es ein feuchtwarmer Sommer gewesen. Die Frankfurter Skyline präsentierte sich unter bewölktem Himmel und 18 Grad. Gute Bedingungen zum Radfahren.

Abschiedsbild. Frankfurt in der Ferne. Allez, allez!

Schnell lockerte sich das Grau und es wurde ein Sommertag wie aus dem Bilderbuch: Schäfchenwolken, goldene Felder und saftige Wälder.

Ich hatte Großes vor. Eine Runde durch Frankreich war mir nicht genug. Ich wollte soviele namhafte Anstiege der Tour de France erklimmen, wie nur möglich. Höhenmeter. Höhenmeter. Höhenmeter.

Auf der Glessener Höhe überwindet man knappe 60 Höhenmeter. Zwar war ich ein paar mal im bergischen Land, aber bei weitem nicht oft genug, um von einer vernünftigen Vorbereitung sprechen zu können.

Ich passierte kleine Weingüter, die mit handgeschriebenen Tafeln für Weinproben warben. Die Versuchung war groß, aber erstens gab es in Frankreich auch Wein und zweitens hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch absolut nichts geleistet. Also weiter in Richtung deutsch-französischer Grenze, meinem angestrebten Tagesziel.

Über den Rhein.

An einem Getränkemarkt gönnte ich mir eine sprudelnde Erfrischung. Eine Omi bot mir an mich neben sie zu setzten. Dann sagte sie: “Ich beiße nicht.” Und ich bekam etwas Angst. Wahrscheinlich verlieh mir das den nötigen Antrieb um die letzten Meter zur Grenze zurückzulegen.

Grenzübertritt und die Sonne lacht.

Zwischen Waldrand, Bunkern, Wiesen und Geschütztürmen, schlug ich mein Lager auf. Geschichte hautnah. Ein schöner erster Tag. Einziger Nachteil dieser Reise: Ich konnte die Tour de France nicht live verfolgen.

Unzählige Kriegsgräber erinnern an vergangene Schlachten.

 

Einer der vielen verbleibenden Bunker im Grenzgebiet

Es ging durch das wunderschöne Elsass. Kein Wunder, dass dieser Landstrich Jahrhunderte lang für Streit zwischen Deutschland und Frankreich gesorgt hatte.

Angedeutetes Lächeln. Es war schwül.
Die erste Nacht war warm und trocken.

Ich hatte Lust auf Kakao. Also besorgte ich mir den mal eben und verstaute das kostbare Gut in meiner Packtasche. Es dauerte noch ein Weilchen, bis ich einen Platz fand, der meinen Ansprüchen gerecht wurde. Als ich dann meine Packtasche öffnete, um meinen Pausensnack auszupacken, griff ich in den Kakao. Genau. Die braune Brühe war ausgelaufen und schwappte in meiner wasserdichten Packtasche umher, in der sich unter anderem auch eine Ladebank befand. Nachdem ich die klebrige Sauerei halbwegs bereinigt hatte, war die Lust auf Kakao auch vergangen. Der Elektronik ist zum Glück nichts passiert.

Untergehende Abendsonne

Im weiteren Tagesverlauf bekam ich erbarmungslose Kopfschmerzen. Es war heiß. Ich fühlte mich nicht gut. Auch die brutal steilen Straßen im Elsass halfen mir nicht wirklich weiter. Dann fuhr ich auf guten, kleinen Wegen in ein großes Waldgebiet. Viele Picknickplätze luden zum anhalten ein, aber ich benötigte unbedingt etwas zu trinken, bevor ich anhalten konnte. Auf einer Abfahrt hörte ich dann plötzlich Wasserplätschern. Eine Quelle, eine Wiese, Tische und sogar eine Schutzhütte. All das mitten im Wald.

Die Quelle!

Das kühle Wasser war ein Segen und ich nutzte die Gelegenheit auch gleich um mich gründlich zu waschen. Anschließend machte ich es mir auf der Wiese bequem und lies die Ruhe der Natur auf mich wirken. In diesem Moment gab es, außer den Kopfschmerzen, nur die plätschernde Quelle, das Zwitschern der Vögel, den sanften Wind auf meiner Haut und das Surren und Summen der Insekten. Einfach herrlich.

Das perfekte Lager.

Als ich am kommenden Morgen tiefenentspannt aus meinem Zelt kroch, sah ich am anderen Ende der weitläufigen Wiese ein weiteres Zelt. Ein Radfahrer mit Anhänger hatte dort sein Lager aufgeschlagen. Doch als ich abfuhr, war immer noch kein Lebenszeichen zu erkennen gewesen. Ich bin nun mal der frühe Vogel.

Sonnenuntergang auf der Wiese.

Die feuchte Waldluft sorgte für eine frische Abfahrt. Im nächsten Ort besuchte ich einen kleinen Laden in dem ich Milch und ein Pain au Chocolat kaufte. Damit verflog dann endlich auch die Schwere des Vortags, die mir in den Knochen hing. Ausreichend satt und ohne Kopfweh bezwang ich die ersten beiden Anstiege des Tages. Der erste war zum Aufwärmen. Der zweite brach mir direkt die Beine, so steil war es.

Ein See. Irgendwo.

Es folgte eine perfekte Abfahrt: Guter Straßenbelag, Haarnadelkurven und trotzdem leicht genug zu fahren um die Aussicht zu genießen. Dort sah ich Munster, was mein nächstes Pausenziel sein sollte. Statt mich wieder durch die nun einsetzende Mittagshitze zu quälen, wählte ich die Siesta-Variante. Das bedeutete ein ausgiebiges Mittagessen, gefolgt von einem Nickerchen. Natürlich prusteten Laubgebläse und Rasenmäher dazwischen, aber nachdem ich eine Park gefunden hatte, fand ich auch meine verdiente Nachmittagsruhe.

Päuschen im Schatten des Münster von Munster

Danach nochmal ein paar Kilometer. Einkaufen. Noch ein Anstieg. Feierabend.

Wieder ein paar Höhenmeter gesammelt.

Nun wartete der erste ernstzunehmende Berg auf mich. Von 450m auf 1300m. Damit das auch hinhauen würde, schob ich mir am Fuß des Anstiegs noch flott ein Vanille-Hörnchen und einen Pott Kaffee rein. Penetranter Nieselregen begleitete mich auf jedem Meter. Als später wieder die Sonne vom Himmel ballerte, war ich aber froh über die radfahrfreundlichen Temperaturen während der Kletterpartie.

Le Grand Ballon. Erster langer Anstieg gemeistert.

Pause in Cernay. Ich holte mein Handy aus dem Flugmodus, was sich als kapitaler Fehler herausstellte. Einmal mehr der Beweis, dass ständige Erreichbarkeit nur Nachteile mit sich bringen. Mich erreichte die Nachricht, dass mein Kölner Keller unter Wasser stand. Dort befand sich gerade mein Hab und Gut, da ich nach längerer Abwesenheit gerade erst wieder dort eingezogen war. C’est la vie, sagen die Franzosen. Handy wieder aus.

Wald und Wiese. Der nächste Ballon im Hintergrund.

Es ging wieder hinauf. Erst war der Belag schlecht, dann das Wetter. Nach ein paar Donnerschlägen entleerten sich die schwarzen Wolken schlagartig. Innerhalb weniger Sekunden flossen mit Sturzbäche an Wasser entgegen. Ich musste an den überfluteten Keller denken.

Die Freude im Herzen. Durch die Suppe auf den Elsässer Belchen (Ballon d’Alsace).

Nach einer gefühlten Ewigkeit fand ich einen kleinen Unterstand, der etwas Schutz vor den Wassermassen bot. Als ich weiterfuhr regnete es zwar noch, aber die Wolken hatten bereits wieder Wolkenfarbe angenommen und es war hell.

Durch dicke Nebelsuppe ging es die letzten Kilometer auf den Ballon d’Alsace und schnell wieder weiter. Denn für heute hatte ich erstmal genug. Der gute alte Waldweg brachte mich wieder zu einem geeigneten Campspot und ich breitete mein Lager aus. Dann entdeckte ich die Zecke.

Das Viech hing offensichtlich schon länger an mir dran, denn es war bereits blutrot (mein Blut!) und von beachtlicher Größe. Der Versuch das ungebetene Anhängsel fachgerecht zu entfernen, scheiterte und ich metzgerte in der verbleibenden Wunde herum, um auch das letzte Bisschen Kauwerkzeug zu entfernen. Mit dem unguten Gefühl, dass mir am nächsten Morgen der Arm fehlen könnte, ging ich schlafen. Nicht so ein guter Tag. Oder, um den Tagesumständen gerecht zu werden: Wenn es regnet, dann schüttet es!