Einmal Wilder Westen und zurück

Einmal Wilder Westen und zurück

Ein Güterzug nach dem anderen ratterte schwer und mit vielen Signaltönen durch das unten liegende Tal. Außerdem veranstalteten ein paar der Allradantrieb-Enthusiasten eine Party in der Nähe meines Lagers. Nachtruhe sieht anders aus.

Am Morgen musste ich mir die Sandpiste dann wieder mit einer Allrad-Karawane teilen. Schmunzelnd überholte ich die Truppe wieder, weil einer der Jeeps an einem Hindernis hängen geblieben war. Dann konnte ich mich voll und ganz auf die sich mir präsentierende Herbstlandschaft konzentrieren. Ich überquerte Klimazonen am laufenden Band. Wüste, Wald, Schnee, Wüste und jetzt wieder farbenprächtige Herbstwälder. Dazu ein herrlicher Ausblick auf Silverlake.

Ausblick auf Silverlake

Die Landschaft konnte mich zeitweise sogar von meinem Hungerproblem ablösen. Seit mehr als 24 Stunden lebte ich nun von Energieriegeln. Tatsächlich neigte sich mein Vorrat langsam dem Ende. Aber nach dem gestrigen „Abendessen“ wollte ich endlich mal wieder was anderes schmecken, als dieses nussig-süße Zeug.

Die nächste Ortschaft Blue Jay versprach dann endlich Abwechslung. An einer Tankstelle füllte ich meine Packtaschen auf und gönnte mir ein ausgiebiges Mittagessen in einer mexikanischen Kaschemme. Vollgefuttert und glücklich irrte ich eine Weile durch die Ausläufer des Ferienorts und bestaunte die wunderschönen Häuser, die allesamt zum Verkauf standen.

Dann war ich wieder fern jeder Zivilisation. Dicke Steine, loses Geröll und tiefer Sand machten das Fahren streckenweise unmögliche. Den Großteil des Nachmittags musste ich schieben und machte nur wenige Meter. Dabei war mein Zwischenziel, Big Bear Lake, nicht mehr weit entfernt. Die vielen steilen Anstiege, das unwegsame Terrain und die fortgeschrittene Tageszeit setzten mir zu und ich wählte einen wundervollen Campspot, gute zehn Kilometer von Big Bear entfernt. In der Hoffnung, dass die übrigen Kilometer halbwegs befahrbar sein würden, genoss ich die Ruhe der Natur. Ohne Allradlärm, tutende Züge und Bier trinkende Rednecks. Idylle.

Schön hier.

Der nächste Morgen war eisig. Obwohl ich nur sehr, sehr langsam fuhr, es ging bergauf, waren meine Hände taub von der Kälte. Handschuhe sind also auch in Kalifornien angebracht. Lesson learned.

Nicht mehr weit bis Big Bear

Unterdessen verlangte der weiterhin technisch schwierige Pfad meine volle Aufmerksamkeit. Immer wieder ging es durch trockene Flussbetten, klapprige Holzbrücken, Sand und Pfützen. Für jeden was dabei. Ansonsten war ich fasziniert von der Farbenvielfalt der Natur. So verging die Zeit und ich kletterte die letzten Anstiege hinauf nach Big Bear Lake.

Unwegsames Gelände vor Big Bear

Auf einem sonnigen Radweg entlang es Sees konnte ich mich dann langsam aufwärmen. Im Ort steuerte ich dann schnurstracks zum Teddy Bear Restaurant. Natürlich musste es dann ein großer Stapel, Big Stack, Pancakes sein.

The Big Stack, please. (Das sind Butterkugeln, kein Eis!)

Eine nicht enden wollende Abfahrt brachte mich zurück in die Wüste. Ich war auf dem Weg nach Pioneer Town. Auf den sandigen Pisten kam wahres Wild-West-Feeling auf. Irgendwo in der Mitte vom Nirgendwo passierte ich kleine Enklaven aus Wohnmobilen, Holzverschlägen und ausgebauten Ranches. Rückzugsorte der Aussteiger. Why not?!

Auf in den wilden Westen

Dann erreichte ich das Wildwestdorf Pioneer Town. Natürlich wurde diese Kulisse gerade für Filmaufnahmen genutzt. Cowboys habe ich trotzdem keine gesehen. Außer den Saloons, Postämtern und Pferdetränken gab es nichts was mich dort hielt und ich machte mich schnell wieder auf den Weg.

Pioneer Town

In Yucca Valley bekam ich dann wieder die volle Ladung Zivilisation. In meinem Fall aber genau das Richtige, da ich mich für meine Ausflug in den Joshua Tree Nationalpark eindecken konnte. Zunächst musste ich aber erst nochmal im Park anrufen, da es vor meiner Abfahrt starke Regenfälle gegeben hatte, die mehrere Teile des Parks unpassierbar machten. Am Telefon wurde mir bestätigt, dass die von mir geplante Route wieder befahrbar war.

Pioneer Town Post Office

Nichts wie los! Denn das Tageslicht drohte mir auszugehen. Und ich musste einen der gekennzeichneten Campingplätze erreichen. Wild campen im Nationalpark ist definitiv keine gute Idee. Und so begann das Rennen gegen den Wind und das schwindende Tageslicht.

Joshua Tree, aber noch lange nicht im Nationalpark

Während die anderen Parkbesucher die tief stehende Sonne für schöne Fotoaufnahmen nutzten, trat ich mit den letzten Energiereserven in die Pedale wie ein Bekloppter. Auf dem ersten Zeltplatz angekommen erstmal Ernüchterung: Ich brauchte passendes Wechselgeld UND überhaupt erstmal einen Platz für mein Zelt. Da merkte ich, dass ich im Land der bargeldlosen Bezahlung war, denn es brauchte fünf Anläufe, um jemanden zu finden, der mir Geld wechseln konnte. Und dann musste ich überhaupt erstmal einen Platz in dem überfüllten Camp finden.
Als ich vermeintlich eine freie Fläche gefunden hatte, kamen zwei Burschen auf mich zu und meinten sie hätten dort bereits reserviert. Bürokratie in der Natur. Das war ja genau mein Ding! Aber glücklicherweise hatte ich es ja mit Amis und nicht mit zugeknöpften Deutschen zu tun. Im gleichen Atemzug boten mir die zwei dudes an den Platz und damit auch den Preis zu teilen.

Sonnenuntergang im Joshua Tree National Park

Der Vollmond leuchtete taghell und sorgte für eine magische Stimmung. Auf den umliegenden Felsen waren noch einige Kletterer unterwegs, die ich bei meinem ausgiebigen Abendessen beobachtete. Die Luft kühlte ab und wurde mit süßlich würzigem Grasgeruch erfüllt. Zeit für Entspannung auch bei mir und ich fiel schlagkaputt ins Bett.
Mitten in der Nacht wurde ich vom markdurchdringenden Kreischen der Kojoten aufgeschreckt, die anscheinend in großen Scharen den Park durchstreiften.

Klettermöglichkeiten ohne Ende im Joshua Tree National Park

Am nächsten Morgen ließ ich es recht gemütlich angehen und quatschte noch eine Weile mit meinen Zeltnachbarn, die am späten Abend auch noch eine deutsche Familie auf unseren Stellplatz eingeladen hatten. Platz war jedenfalls genug.
Die beiden waren gerade dabei wieder aus der Army auszusteigen. Dabei klang ihr Search and Rescue Job überaus spannend. Aber als ich mich mit den beiden so unterhielt, konnte ich mir auch nicht vorstellen wie die beiden langfristig das entbehrungsreiche und restriktive Leben im Militär überdauern konnten.

Über eine Offroad-Piste sollte es am nächsten Tag zum zum anderen Parkende gehen. Leicht gesagt, aber mit jedem Meter wurde die Strecke sandiger. Immer wieder bremsten mich tiefe Sandabschnitte schlagartig ab, da fester und tiefer Sand nicht zu unterscheiden waren.

Entlang des San Andreas Graben

Mal wieder war ich in der Mitte vom Nirgendwo. Und genau hier verlief der San Andreas Graben, eine der wenigen Kontinentalplattengrenzen, die an Land liegen. Diese Verwerfung trennt die pazifische von der nordamerikanischen Platte, die sich in entgegengesetzter Richtung zueinander bewegen und die Ursache für Erdbeben in der Region sind.
Nach dem anstrengenden Stück durch den Nationalpark, dass sich wie Gummi zog, folgte eine lange Abfahrt durch ein trockenes Flussbett. Entsprechend schwierig war es auch hier nicht zu stürzen. Felsbrocken, Sand, Geröll und eine Vielzahl möglicher Wege beanspruchten meine ganze Aufmerksamkeit. Gleichzeitig musste ich aber immer wieder überlegen, was mein heutiges Ziel sein würde. Palm Springs lag nahe. Und von dort mit dem Zug nach Fullerton. So die Idee. Aber erstmal musste ich wieder in ein Gebiet mit Netzanbindung kommen, um das genauer zu prüfen.

Mitten im Nirgendwo

Das weiträumige Flussbett wurde außerdem als öffentlicher Schießstand genutzt. Patronenhülsen, Bierdosen und durchlöcherte Autowracks verdeutlichten das. Und auch als ich dort war wurde scharf geschossen! “I did not see you there!”, bemerkte einer der Schützen mit Cowboyhut trocken, als ich vorbeifuhr. Willkommen in Amerika.
Ohne Schussverletzung erreichte ich wieder eine Straße. Nach ein paar weiteren Kilometern holte ich mein Telefon aus dem Flugmodus und suchte nach einer Zugverbindung von Palm Springs nach Fullerton.
Die einzige Verbindung fuhr jeweils am Nachmittag ab und würde mich innerhalb von zwei Stunden zurückbringen. Sofern ich es rechtzeitig bis nach Palm Springs schaffte. Wüstenhitze und Gegenwind ließen mich zweifeln, aber trotzdem versuchte ich mich etwas zu beeilen. Zu diesem Zeitpunkt waren meine Beine aber ganz schön alle. Neben den vielen Höhenmetern steckte mir vor allem das gestrige Zeitfahren gegen die untergehende Sonne in den Knochen.

Wolken! Auf dem Weg nach Palm Springs. In der Ferne Mount Baldy! Nur zwei Tage her.Nur zwei Tage her.

Alle zwei Minuten blickte ich auf mein Navi und musste feststellen, dass ich nicht viel weiter gekommen war.
Ich passierte die Ortsgrenze der Wüstenstadt und war relativ zuversichtlich es gerade so schaffen zu können. Oder auch nicht, denn wo war denn jetzt die Bahnstation. Mein Navi lotste mich zum kleinen Flughafen von Palm Springs. Irgendwo hier musste wohl auch die Bahn sein. Aber ich konnte nichts finden. Nochmal konsultierte ich einschlägige Routenplanerapps. Neue Adresse, nochmal ein paar Meter weiter. Weit und breit nichts. Jetzt wurde die Zeit so richtig knapp und innerlich hatte ich bereits resigniert. Nochmal zurück zum Flughafen. Mit aller Geduld, die ich in dieser stressigen Situation aufzubringen vermochte, blickte ich mich in Ruhe um. Ich suchte nicht mehr nach der Bahn, sondern sah mich einfach nur um. Und dann erkannte ich auf dem Bus, an dem ich schon dreimal vorbeigefahren war, die Aufschrift Metrolink und Fullerton.
Weil ich bei Metrolink erfahrungsgemäß an die Bahngesellschaft dachte, hatte ich nach einem Bahnhof gesucht!
Jetzt war meine nächste Sorge wegen des Rades nicht mitfahren zu können. Zudem hatte ich auch kein Bargeld mehr und Kartenzahlung war nicht möglich. In Amerika sind das aber keine Hindernisse, denn gegen meinen Ausweis als Pfand, konnte ich einfach am Ende der Fahrt am Bahnhof in Fullerton bezahlen. Das, liebe Deutsche Bahn, ist Kundenservice.

(Stinke-)Füße hoch!

Zum Glück waren nur wenige andere Fahrgäste an Bord, denn Körperhygiene hatte in den vergangenen Tagen eine untergeordnete Rolle gespielt. Ich genoss die kühle Luft der Klimaanlage und ließ die Erlebnisse der vergangenen Tage vor meinem inneren Auge Revue passieren. Dann kontaktierte ich Scott, der mich wieder bei sich empfangen würde. Und so schnell vergeht die Zeit.

Einer geht noch: 8. Tag auf dem Rad. Heute nochmal mit der Mittwochsgruppe. Und Kaffeestopp.

Tatsächlich habe ich mir am nächsten Morgen nochmal die Mittwoch-Gruppenausfahrt gegeben. Damit waren es 8 Tage auf dem Rad, 10.000 Höhenmeter und 666 Kilometer. Ein herrlicher Abschluss nochmal mit den Locals zu fahren und von meinen Erlebnissen berichten zu können. Danach: Bier, Pizza, Hängematte und eine letzte Runde Sightseeing durch L.A. bevor es in den Flieger zurück nach Deutschland ging.

Diese Diashow benötigt JavaScript.