Der Glatzkopfberg / Bergfest!

Der Glatzkopfberg / Bergfest!

Jetzt ging es tatsächlich doch noch auf die Reise, weshalb ich überhaupt nach Kalifornien geflogen bin. Nach einer üppigen Henkersmahlzeit, wurde ich von Scott zum Bahnhof in Fullerton gebracht. Von dort sollte es nach Pasadena gehen, den Startpunkt meiner Route. Kaum auf dem Bahnsteig, wurde ich von zwei anderen Radfahrern angesprochen. Sie steuerten mit ihren leicht bepackten Rennrädern irgendein Oktoberfest an und freuten sich natürlich einen echten Deutschen zu treffen.

Ausgezeichnete Radstellplätze bei Metrolink

Der Zug kam und fuhr ohne mich ab, weil mich die “freundliche” Schaffnerin nicht ohne Radreservierung einsteigen lies. Nicht das genügend freie Stellplätze vorhanden gewesen wären. So war ich kurz an Deutschland erinnert. Als Tipp für Nachahmer: Nicht mit Amtrak, sondern mit Metrolink reisen. Dort benötigt man keine Reservierung. In diesem Moment alles halb so wild. Ich hatte mehrere Tage gewartet die Tour zu starten, da war eine halbe Stunde mehr oder weniger auch egal. Vor allem, wenn man in der warmen Sonne warten kann. Eile mit Weile.

Der zweite Zug kam und fuhr diesmal mit mir und meinem Monsterrad ab. Warten macht hungrig und ich verdrückte den ersten Clifbar. Dann ging es endlich aufs Rad! Von der schönen Bahnstation in Pasadena steuerte ich in Richtung des Angeles Forest. Auf leeren, breiten Straßen ging es zunächst durch die beschauliche Innenstadt, dann vorbei an ein paar Vorortsiedlungen wie man sie aus Film und Fernsehen kennt und schon war ich in der Wildnis.

Diesen Kontrast zwischen Vollgas-Konsumgesellschaft mit Fast-Food-Ketten und Geschäften mit Leuchtreklame auf der einen Seite und dem kompromisslosen Naturerlebnis auf der anderen Seite, fasziniert und überrascht mich in Amerika jedes Mal aufs Neue. Tückisch ist es obendrein, weil es suggeriert, das man jederzeit die Möglichkeit hat a Lebensmittel und Wasser zu gelangen. Dabei kann es passieren, dass man tagelang im Niemandsland unterwegs ist. Umso wichtiger ist es entsprechend zu planen und immer einen kleinen Puffer dabei zu haben. Und trotzdem konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich die Menge aus Energieriegeln, Erdnussbutter, Honig und Tortillas jemals innerhalb der drei bis fünf Tage aufbrauchen würde.

Schön. Der Bahnhof in Pasadena

Wenn man Angeles Forest hört, könnte man meinen es handele sich um einen Wald. Dabei fand ich mich zu Beginn erstmal in einer Wüste wieder, in der höchstens kniehohe Gestrüppe zu finden waren.

Es ging nach oben. Und auch wenn ich eine gute Vorstellung davon hatte, was mich auf den kommenden 10000 Höhenmetern erwarten würde, dass ich den ersten Kilometer schiebend und schweißüberströmt verbringen würde, hätte ich nicht gedacht.

Der Singletrack schloss an einen schmalen Jeeptrack oder eine Fireroad an – bei uns als Feld- bzw. Waldweg bezeichnet. Die Wege waren entsprechend breit und gut zu befahren, dafür aber noch steiler als Singletrack. Immer wieder fluchte ich über die Unmengen an Essen in meinen Packtaschen.

Es geht los!

Weil es so steil war, hatte ich schnell einen schönen Ausblick über die unendlich wirkende Stadt. Wie bereits erwähnt: Es war bizarr – Ich konnte das riesige Gitternetz aus Häusern und Straßen sehen und gleichzeitig kam ich in den Genuss von absoluter Einsamkeit inmitten der Natur.

Alles klar.

Nach den überaus anstrengenden ersten Kilometern begannen Körper und Geist endlich zu kooperieren. Ich war im Radreisemodus angekommen. Es war heiß und meine Wasservorräte neigten sich bereits dem Ende. Glücklicherweise wurde es mit der Höhe ein wenig kühler und mein Durst hielt sich in Grenzen. Dafür nahm die Kletterei kein Ende. Weiter und weiter schraubte sich der verschlungene Fahrt nach oben. Bis ich am Nachmittag auf eine Straßenkreuzung. Dort fand ich auch, hinter einer kleinen Mauer versteckt, endlich einen Frischwasserhahn. Die Rettung.

Der zweite Teil des Tages und der nächste Anstieg waren deutlich schattiger und damit auch angenehmer zu fahren. An der idyllischen Ruhe änderte sich glücklicherweise nichts. Es war der erste Tag, aber bereits zu diesem Zeitpunkt war ich regelrecht verliebt in diese Tour.

Was man nicht alles so findet…

Das Höhenprofil im Hinterkopf und die vage Hoffnung an irgendeiner Art Geschäft oder Restaurant vorbeizukommen, fuhr ich immer weiter und weiter. Zwischenzeitlich war ich wieder auf einer Straße unterwegs und sah sogar das ein oder andere Auto. Von einer Tankstelle oder dergleichen fehlte weit und breit jede Spur.

Die Stadt der Engel zu Füßen.
Ohne Worte.
Mittagspause. Kein Wasser, kein Schatten.

Auch im südlichen Kalifornien waren die Tage zu dieser Tageszeit recht kurz. Die Sonne verschwand hinter den Bergen und die Temperaturen stürzten förmlich in den Keller. Aber es ging natürlich wieder bergauf und ich konnte mich warm halten. Ein Zeltplatz wäre so langsam mal schön, dachte ich mir. Aber wie gesagt, war ich auf einer Straße unterwegs und nachdem ich an diesem Tag auf so herrlich abgeschiedenen Wegen unterwegs gewesen war, wollte ich ausgerechnet bei der Wahl des Schlafplatzes keinen Kompromiss eingehen.

Aber es half alles nichts. Am Ende wurde es ein mittelmäßig akzeptabler Platz, der weit genug von der Straße entfernt lag um Ruhe und Privatsphäre zu genießen. Nicht, dass irgendein Auto vorbeigekommen wäre. Schön.

Als ich am folgenden Morgen mein Lager abbrach, sausten bereits die ersten Radfahrer durch die Kurve nach unten. Es war Wochenende und die frühen Vögel hatten sich bereits auf den Weg gemacht. Und dabei bin ich beileibe kein Langschläfer.

Während die einen auf der Gegenfahrbahn hinab schossen, strampelte ich mich auf der anderen Seite warm. Nach jeder Kehre legte ich ein Kleidungsstück ab und als ich auf dem Bergkamm ankam, war ich in kurz-kurz unterwegs. Herrlich!

Absolut in Gedanken versunken, fuhr ich den Berg hinauf. Um ein Haar wäre ich vom Fahrrad gefallen, als ich plötzlich lautstark von der Seite angesprochen wurde. Ein Rennradfahrer hatte sich sprichwörtlich herangepirscht und mich aus meinem angenehmen Flow gerissen. Es war der übliche Smalltalk: Wo kommst du her, wo willst du hin?

Als ich Mount Baldy erwähnte(sinngemäß übersetzt: Glatzenberg, Glatzkopfberg oder Kahler Berg) warnte er mich vor den steilen Passagen. Auch von Scott hatte ich das zu hören bekommen. Dieser Kollege setzte aber noch einen drauf als er meinte: “Ich habe kein Problem damit zuzugeben, dass ich in den Kehren leise geweint habe…”

Ist klar. So wird das nichts mit “make America great again!

Biker-Special

Als ich etwas später bei einem gesitteten Biker-Frühstück ein Gespräch zweier anderer Radfahrer überhörte, war ich dann doch ein Stück weit eingeschüchtert. Tatsächlich kommentierte der eine die Steilheit des Berges mit den Worten: “Ich habe dort schon Leute weinen sehen!”

Ich würde es in kürze selbst beurteilen können. Aber erstmal: Frühstück, die Zweite. Pancakes, Scrambled Eggs, Bacon. Eine überfällige Abwechslung nach meiner Clifbar-Erdnussbutter-Tortilla-Diät.

Bären würde ich nicht davonfahren können…Aufwärts in der Mittagssonne

Dann ging es auf der Straße nach oben. Mit den schlimmsten Erwartungen und der einsetzenden Mittagshitze quälte ich mich aufwärts. Wie schön wäre hier ein 7 Kilo Rennrad gewesen. Stattdessen wuchtete ich mein Monster nach oben.
War es steil? Ja. War es unrhythmisch? Ja. Hat es lange gedauert? Ja. Habe ich deshalb geweint? Hell no! Ich musste sogar lachen, als ich zwei Mountainbiker über mein Setup sagen hörte: „Look at all this shit!“ Sagte der eine hörbar und lud das Rad auf seinen Pickup-Truck. Look at all this shit! Dachte ich mir für mich.

Die Straße endete. Und JETZT wurde es steil. So weit fährt aber kein Straßenradfahrer. Loses Geröll in Kombination mit exorbitanten Steigungsprozenten ließen mir keine Wahl: Ich musste schieben. Und DAS war anstrengend!

Nach wenigen hundert Metern schloss der steile Pfad an einen gut ausgebauten Wanderweg an, der bis auf die zahlreichen Wochenend-Wanderer gut zu befahren war. Hin und wieder wehte vom Gipfelrestaurant der Geruch von deftiger amerikanischer Küche herunter.

Im absoluten Schneckentempo aber mit der allergrößten Anstrengung, überholte ich ein Wanderinnenduo. Der Überholvorgang dauerte lange genug, damit die beiden mich über meine Reise ausfragen konnten. Meine geschnauften und einsilbigen Antworten wurden mit einem motivierenden “impressive!” quittiert. Das gab mir den nötigen Extraschub für die letzten Kehren bis zum Gipfel.

Der Blick zurück von Mt. Baldy

Ein kurzer Blick ins laute, überfüllte und ausgesprochen ungemütliche Innere des Berg-Restaurants trieb mich schnell wieder nach draußen. Schweizer Berghütte trifft American Sportsbar. Thanks, but no thanks!

Also begnügte ich mich mit einem weiteren Clifbar. In meinem Fall, ohne Werbung machen zu wollen, waren diese Energieriegel wie Lembas bei Der Herr der Ringe; ich hatte ab Tag zwei eigentlich keinen Appetit mehr auf die Dinger, aber sie machten satt, gaben Energie und es wurden auf wundersame Weise auch nicht weniger.

Hätte ich mir doch den Stress in der amerikanischen Berghütte gegeben…

Dann fuhr ich erstmal weiter nach oben. Es war bereits Nachmittag und bis dahin war ich ausschließlich bergauf gefahren. Diesmal war es allerdings die falsche Richtung und brachte mir außer weiteren Höhenmetern nichts ein.

Und dann ging es hinab. Und zwar richtig. Leicht war die Abfahrt aber nicht. Große Brocken und loses Geröll verlangten meine hundertprozentige Aufmerksamkeit. Immer wieder war ich froh die Route nicht in der anderen Richtung gefahren zu sein. Das wäre eine zähe Schiebepartie geworden.
Nach den steilen Anfangskilometern mäßigte sich das Gefälle und ich konnte entspannter weiterrollen. Mein Weg führte an und durch ein großes, ausgetrocknetes Flussbett. Mit jeder Minute wurde es wärmer und plötzlich fand ich mich in mitten von sandiger Wüstenvegetation wieder.

Zurück ins Tal. Der Blick aus dem Cockpit.

Der gewaltige Temperaturunterschied zwischen Berg und Tal setzte mir gehörig zu. Der Wind kam von vorne und ich sehnte mich nach einem vernünftigen Abendessen. Jammern auf hohem Niveau.

Tagesziel war es den Interstate 15 zu überqueren. Wenn ich die Notizen zu der Route richtig gelesen hätte, wäre ich jetzt zu der Tankstelle gefahren die in Sichtweite war. Stattdessen blieb ich off-road und musste mich durch das hoch frequentierte Eisenbahnschienennetzwerk wurschteln. Der Ortsname auf meiner digitalen Karte lies mich vermuten, dass ich dort ebenfalls auf Geschäfte treffen würde. Etwas später folgte daraus die schmerzliche Erkenntnis, dass ein Name auf der Karte nicht automatisch bedeutet, dass sich dort auch ein Ort befindet. Es kann auch einfach nur ein Parkplatz mit Unterführung sein. Schmerzlich, weil das bedeutete: Clifbars als Abendbrot!

Güterzüge aus allen Richtungen

Von dem staubigen Parkplatz ging es auf eine noch staubigere Sandpiste, die aus dem Autobahntal hinausführte. Zu diesem Zeitpunkt und mit der Aussicht auf ein unbefriedigendes Abendessen, war das Fahren mehr als mühsam. Allerdings musste ich noch ein paar Meter machen, wollte ich nicht neben der lärmenden Autobahn schlafen.
Und so fuhr ich Kehre um Kehre nach oben. Und ich war nicht allein. Es war Wochenende und das bedeutete die Sandpiste wurde von Jeeps, Crossmotorädern und selbstgebauten Offroad-Buggies befahren. Toll! Immerhin wurde nicht geschossen. Welcome to America!

Verdient.
Blick aus dem Zelt

Weit über dem Interstate und mit Ausblick auf den hinter mir liegenden kahlen Bergriesen, durfte ich einen schönen Sonnenuntergang genießen, der immerhin ein kleines Bisschen über das traurige Abendessen hinwegtröstete. Aber hey! Drei Gänge: Crunchy Peanut Butter, Almond Fudge, Almond Coconut. Guten Appetit und gute Nacht.

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