California Cruisin‘

California Cruisin‘

Ich erinnere mich an meine Schulzeit. Damals waren die Vereinigten Staaten der heiße Scheiß – true fact. Da musste man unbedingt hin. Am liebsten gleich für ein ganzes Austauschjahr. Auch heute kommen die meisten Trends mit zwei bis fünf Jahren Verzögerung über den Atlantik herübergeschwappt. Daran hat sich nichts geändert. Als ultimatives Reiseziel kann man Amerika aber schon länger nicht mehr bezeichnen. Heute muss man nach schon richtig weit weg: Australien oder Neuseeland.

Zwar mag das aktuelle Motto make America great again lauten, aber ich denke nicht der derzeitige Verrückte im weißen Haus hat damit vor mehr Ausländer in sein Land zu locken. Aber das ist ein anderes Thema. Nun, warum zieht es mich immer wieder in the land of the brave and the free? Es sind die viel zitierten unbegrenzten Möglichkeiten. Und damit meine ich nicht die gebetsmühlenartig propagierte Chancengleichheit von tatsächlich viele überzeugt sind. Natürlich meine ich die beinahe unbegrenzten Möglichkeiten für Draußen-Liebhaber.

Die USA sind für Autos gebaut und vor allem in den Küstenregionen dicht besiedelt. Aber es gibt genügend Landstriche und vor allem unzählige Nationalparks, in denen man tagelang keiner Menschenseele begegnet. Das ungemeine Freizeitpotenzial und die Bandbreite an unterschiedlichsten Klimazonen bieten ausreichend Abwechslung. Anscheinend so viel, dass nur ein Drittel aller Bürger einen Reisepass besitzen.

Anfang 2018 beschloss ich, dass ich in diesem Jahr endlich mal Kalifornien reisen wollte. Selbstverständlich mit dem Fahrrad. Los Angeles war das Ziel. Und wer mich kennt, weiß, dass ich nicht (nur) wegen des Walk of Fame und der Strandpromenade in Venice dorthin wollte.

Au contraire!

Inspirationsquelle war die Seite bikepacking.com. Auch die Route durch Georgien und Armenien im Sommer 2018 hatte ich deshalb ausgewählt.

In Kalifornien sollte es einmal quer durch die nordöstlich von L.A. gelgene Bergkette gehen. Mit dem Mountainbike. Einmal von West nach Ost über die San Gabriel Mountains bis nach Big Bear Lake und abschließend mit einem Abstecher in den Joshua Tree Nationalpark.

Hochzeitsfeier vor dem Abflug. Hilft definitiv gegen Jetlag!

Nachdem ich dem antizipierten Jetlag bereits mit einer durchzechten Hochzeitsnacht vorgebeugt hatte, fiel mir die Umstellung auf die neue Zeitzone erstaunlich leicht.

…es war wild.

Mein Flieger landete am späten Abend und kurz darauf bekam ich einen Eindruck von dem viel zitierten Verkehrschaos auf den Straßen in und um die Stadt. Eine Blechlawine bewegte sich kaum merklich über die sechs- bis achtspurige Straße. Ganz sicher kein Ort für Radfahrer.

Zwischenlandung London, inklusive dem landestypischen Wetter

Spontan entschloss ich mich für den kommenden Tag den Achterbahnpark Six Flags zu besuchen. Seitdem ich das erste Mal Rollercoaster Tycoon gezockt habe, war das ein lange gehegter Traum von mir. Nachmittagsmüdigkeit würde damit sicherlich nicht aufkommen.

Willkommen in Six Flags

Ich nutzte die landesübliche Fortbewegungsart: Das Auto. Natürlich via Uber. Das klappte stets reibungslos – auch wenn ich meine Fahrradbox transportieren musste. Zudem ersparte es viel Zeit bei der Parkplatzsuche und vor allem Nerven! Der öffentliche Nahverkehr ist ebenfalls positiv hervorzuheben. Mit einer Mischung aus Uber, Bus und Metro kam ich für relativ kleines Geld überall hin.

Im Schlaraffenland für Achterbahnfreunde

Den Vorteil einen Vergnügungspark unter der Woche und außerhalb der Ferienzeit zu besuchen: Keine Warteschlangen an den Attraktionen. Kleiner Nachteil: Nicht alle Achterbahnen waren geöffnet. Nichtsdestotrotz kam ich in den Genuss zehn verschiedene Achterbahnen, sowie das größte frei schwingende Pendel namens CraZanity auszuprobieren. Neben CraZanity konnte ich von den Achterbahnen Twisted Colossus und Full Throttle kaum genug bekommen. Einzige Quittung am nächsten Tag: Muskelkater im Nacken. Totally worth it. Definitiv besser als Jetlag.

Der zweite Tag der Reise brachte mich nach Downtown L.A., was relativ schnell abgehakt war, wenn man die Museen außen vor lässt. Mittels Mietrad lockerte ich meine untrainierten Beinchen und testete somit zum ersten Mal meine Radfahrtauglichkeit. Ein Fahrradunfall (geprellte Handgelenke), sowie Krankheit bescherten mir eine ungeplante vierwöchige Radfahrpause. Tatsächlich war bis wenige Tage vor Abflug absolut unklar, ob ich überhaupt Rad fahren würde. Nur eine Woche zuvor konnte ich mich noch nicht mal am Lenker abstützen!

Selten als Thema für den Smalltalk geeignet: Das Wetter.

Von Downtown L.A. ging es nach Venice und Santa Monica und danach wieder zurück. Das gab mir einen guten Eindruck von den unzähligen verrückten Gestalten die diese Stadt bevölkern. Los Angeles nach einem Tag in drei Worten: Sonne, Grasgeruch und Obdachlose.

Der weltberühmte Freizeitpark auf dem Santa Monica Pier

Am Abend nahm ich den Zug nach Fullerton um eine Freundin und ihre Familie zu besuchen. Wir hatte uns vor vielen Jahren im Yukon Territory in Kanada kennengelernt. Dort arbeitete ich für eine Saison als Kanu- und Kayaking- Guide, wo sie als Teilnehmerin dabei war. Ihr damaliger Besuch im Goldgräberstädtchen Dawson verleitete sie sogar dazu ein ganzes Jahr lang dort zu leben. Ein Sourdough (Sauerteig), wie man die Hartgesottenen nennt, die es schaffen den langen, dunklen Winter zu überdauern. Die Welt ist nun mal ein Dorf. Eine Erfahrung die jeder Reisende früher oder später macht.

Obwohl ich der Familie erstmals begegnete, wurde ich wie ein Familienmitglied empfangen. Wow! Über Wein und japanisches Curry unterhielten wir uns über meine Radfahrambitionen. Und ehe ich mich versah, hatte ich zugesagt am nächsten Morgen bei der lokalen Radgruppe mitzufahren. Skurril nicht nur deshalb, weil ich mich aufgrund genannter Gründe weit außerhalb meiner Sommerform befand, sondern vor allem weil sich die Zahl meiner Gruppenfahrten an einer Hand abzählen lässt.

Fullerton Wednesday Bunch Ride

So ging es in aller Frühe und mit dem Zweitrennrad eines Familienfreundes zum örtlichen Radladen – dem Treffpunkt für den Wednesday bunch ride. Eine bunt gemischte Gruppe aus zehn Personen begrüßte den Neuankömmling aus Germany, der den Altersschnitt um jahrzehnte nach unten korrigierte. (Die alten Hasen und Häschen waren aber durchweg fit!)

Die kühle Morgenluft wurde zeitgleich mit dem fürchterlichen Rush Hour-Verkehr durch wärmende Sonnenstrahlen vertrieben. Nach einer guten Stunde Fahrt sehnte ich mich bereits nach der von allen Teilnehmern beworbenen Kaffeepause. Aber erstmal war ich froh, dass ich problemlos mithalten konnte und nicht am Ende der Gruppe herumlutschen musste. Aber da waren ja auch erst 25 Kilometer gefahren…

Es wurde etwas hügelig, was Scott und ich für ein paar schnellere Ausflüge nutzten. Der letzte Anstieg des Tages wurde angekündigt, die hochgelobten Schokocroissants konnten also nicht mehr weit sein. Im augenscheinlich wohlhabenden Newport Beach kehrten wir in die C’est si bon Bakery ein. Der erste Kaffee seit langem verfehlte seine Wirkung nicht. Dazu ein Croissant, das auch aus einer französischen Boulangerie hätte kommen. Pause: gelungen!

C’est Si Bon Bakery, Newport

Nach der kleinen Stärkung wurde das Tempo etwas angezogen. Das musste an den Croissants liegen. Entsprechend flott flogen wir den schmalen Radweg entlang des Rivertrails zurück in Richtung Fullerton. Im Hintergrund die Berge, die ich auf meiner Reise überfahren wollte. Als wir auf dem sauberen, gut fahrbaren Radweg dahinflogen, erzählte mir die Gruppe, dass bis vor zwei Wochen hunderte Obdachlose am Wegrand lebten. An diesem Tag sah es aus, als wäre die Strecke gerade neu gebaut worden. Wo die Menschen jetzt seien? In L.A. gibt es genug Platz, davon habe ich ja bereits einen Eindruck bekommen.

Schneller als mir lieb war, war das Croissant verstoffwechselt und zweite Hunger meldete sich. Da war es aber auch noch ein Stück bis ins Ziel. Am Ende waren es dann doch 115 Kilometer. Hoppla! Da kam Scott’s Einladung zum Besuch der örtlichen Taqueria gerade recht. Kobe Bryant isst auch gerne mal dort. Was man angesichts der etwas schäbig daherkommenden Plastikeinrichtung nicht denken würde. Es war eine Bude, wie man sie an jeder Ecke in Kalifornien finden kann. Was an Chic fehlte, machte die Bude durch Charme und Geschmack wett. Winner!

Auf die Essenseinladung folgte sogleich der Vorschlag beim donnerstäglichen Sunset Ride mitzumachen. Bei so einem wohlklingenden Namen, konnte ich schlecht nein sagen. Eine kleine, lockere Mountainbike-Runde in den Chino Hills mit einem alten Schulfreund von Scott. Eigentlich wollte ich ja meine Tour starten. Aber eigentlich hatte ich auch nicht wirklich einen Plan. Den besten Tipp, den ich jedem Reisenden geben kann: Go with the flow. Anders gesagt: Mach keine Pläne und sei flexibel!

Die Bergkette meiner Tour im Blick

So baute ich am Vormittag des nächsten Tages endlich mal mein Mountainbike zusammen, kaufte kiloweise Clifbars, Erdnussbutter, Honig und Trockenfrüchte und legte alles für meine auf 5 Tage anberaumte Tour bereit. Zumindest hatte ich damit einen Grundstein für mein Vorhaben gelegt. Auf der anderen Seite fühlte ich mich mittlerweile dermaßen wohl und heimisch, dass es mir an diesem Punkt äußerst schwer fiel mich auf ein Abenteuer zu begeben, das schon auf dem Papier hart aussah. Bestätigt wurde mir das durch die großen Augen der lokalen Radfahrer, die immerzu fragten wo genau ich denn langfahren wollte…

Gute Weitsicht beim Sunset Ride

Abends ging es jedenfalls erstmal in die Chino Hills. Natürlich ohne Gepäck. Ich fühlte mich sehr unsicher auf dem Mountainbike und fuhr wortwörtlich mit angezogener Handbremse. Wir hatten einen traumhaften Blick auf die umliegenden Berge und sogar das Meer. Alles andere als üblich, bemerkte Scott. Stichwort Smog. Der Sunset Ride machte seinem Namen alle Ehre.

Beim Sunset Ride darf der Sonnenuntergang natürlich nicht fehlen

Leicht fiel mir der Trip allerdings nicht. Dabei war ich doch ohne Gepäck unterwegs! Die Anstiege waren knackig. Und dann hatte ich auch noch einen Platten. Das erste Mal seit Monaten führte ich keinen Ersatzschlauch mit. War ja klar. Scott ist clevererweise tubeless unterwegs und hatte Gott sei Dank trotzdem einen Schlauch dabei. Übeltäter war ein Goathead (Ziegenkopf). Fiese pyramidenartig angeordnete Dornen, die ich nur zu gut von einem Trip durch die SüdstaatenTrip durch die Südstaaten kannte.

Als Entschädigung genossen wir einen feuerroten Sonnenuntergang mit Blick auf den Pazifik. Poke-Bowl zum Abendessen und dann mental auf den nächsten Tag vorbereiten. Endlich war es soweit. Wobei das Radfahren bis hierhin sicher nicht zu kurz gekommen war. Trotzdem verspürte ich große Lust endlich mein Zelt in der kalifornischen Natur aufzubauen.