Grazie, Sardegna! Finale.

Grazie, Sardegna! Finale.

Den Großteil meines üppigen Einkaufs habe ich mir auf einer sonnigen Parkbank quer reingeschoben. Danach wollte ich natürlich einen Kaffee trinken. Mittlerweile kehrte Leben auf den Straßen und in die Stadt ein. Warum auch immer habe ich mir das lauteste, stressigste und vollste Lokal ausgesucht. Der Fernseher dröhnte auf maximaler Lautstärke. Entsprechend lauthals verliefen die Unterhaltungen in bis zum letzten Platz gefüllten Laden. Und in Italien beschränkt sich das Gespräch nicht auf einen Tisch, da wird auch gerne mal durch den ganzen Laden geschrien. Man kennt sich.

Ausgelaugt von dieser Reizüberflutung, dafür mit vollem Handyakku, einer gebuchten Unterkunft für Cagliari, vollständiger Routenplanung und einer gesendeten Anfrage zwecks Fahrradkarton, setzte ich die Reise fort. Das finale Stück sollte möglichst durch die Berge gehen und auf der dünner besiedelten, östlichen Inselseite verlaufen.

Es herrschte mehr Verkehr als in den vergangenen Tagen und trotzdem konnte man immer noch von traumhaften Radfahrbedingungen sprechen. Das Wetter spielte ebenfalls mit und ich war das zweite mal auf dieser Tour in kurz-kurz unterwegs. Da ich die verbleibende Route nach Cagliari durchgeplant hatte, wusste ich was mich in Sachen Distanz und Höhenmetern erwartete. Als Tagesziel wollte ich lediglich unterhalb der Tausendmetermarke bleiben. Allein aus dem Grund, weil ich nicht ein weiteres mal den gefühlten Kältetod sterben wollte. Klingt einfach, war es aber nicht. Als Folge machte ich aber gehörig Strecke. Die Sonne knallte dermaßen vom Himmel, dass meine Oberschenkel einen leichten Rotstich aufwiesen. Oder war es, weil ich so emsig gestrampelt habe? Wohl eine Mischung aus beidem. Der Sonnenbrand würde vielleicht für genügend Wärme sorgen, um nicht wieder zu frieren.

Tag der Brücken

Noch 130 Kilometer bis Cagliari. Dazu hatte ich den Großteil der Höhenmeter bereits gestern hinter mich gebracht. Wider erwarten bin ich nicht erfroren und rollte auf längeren Abfahrten in den vorletzten Radfahrtag hinein. Es folgten zwei zähe Anstiege, die jeweils durch eindrucksvolle Brücken eingeleitet wurden.

Anstrengend, aber mit Aussicht

Grober Straßenbelag und Gegenwind erschwerten das Vorankommen. Aber landschaftlich wurde ich einmal mehr verwöhnt. Ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen, aber wahrscheinlich gibt es auf Sardinien nur zwei Dinge die schwer oder gar nicht zu finden sind: Hässliche Landstriche und ein Radkarton. Aber mehr dazu später.

Brücke mit Schikane

Es war mal wieder Zeit für ein belegtes Brötchen. Bank, Brunnen, Brötchen. Die perfekte Pause. Unterdessen erhielt ich eine Absage auf meine Radkartonanfrage. Aber das wäre ja auch zu einfach gewesen. Und plötzlich, hinein in die idyllische Mittagsruhe: Aufruhr in einer Bar neben dem kleinen Park.

Erstmal wurde es laut. Eine Diskussion. Dann Geschrei. Plastikstühle wurden energisch aus dem Weg geräumt oder geworfen. Dann verlagerte sich das Schauspiel nach draußen. Zwei Männer und eine Frau, die vergeblich versuchte den Kampfhahn von seinem Opfer abzuhalten. Dann die Flucht. Man hätte es sich nicht besser ausdenken können, aber der klapprige Ford Fiesta stotterte nur und startete nicht. Mit vollem Körpereinsatz versuchte die Frau den immer noch hochrot rüpelnden Angreifer aufzuhalten. Gerade noch rechtzeitig bekam der Kollege seine Karre zum laufen und verlies mit qualmenden Auspuff die Szene. Weitere Beschwichtigungsversuche seitens der Frau schienen vergebens und auch der zweite Mann stieg in sein Auto. Der Frau blieb nur das verbleibende Chaos in der Lokalität aufzuräumen. Zum einen war das erstklassige Pausenunterhaltung, aber auf der anderen Seite war ich beschämt dieses offensichtliche Beziehungsdrama so hautnah mitbekommen zu haben.

Schöne Tasse, leckerer Inhalt.

Anschließend rollte es sanft auf und ab und ich konnte mit ordentlich Druck fahren. Der letzte Abend unterwegs stand bevor und natürlich wollte ich dieses Ereignis mit einem einheimischen Kaltgetränk beenden. In einer Ortschaft die gerade aus der Mittagsruhe erwachte, fand ich eine Bar. Vier Männer lungerten vorm dem Eingang und grüßten mich. Ich lies mein bestes italienisch vom Stapel und fragte: Aperto? Woraufhin mir mit Schulterzucken geantwortet wurde. Hä? Die Stammsäufer wissen nicht wann ihre Bar aufmacht? Wahrscheinlich war Zeit unwichtig und ihr Tagesablauf richtete sich nicht nach der Uhr, sondern nach der geöffneten oder geschlossenen Bar. Aber ich will nichts unterstellen, denn nett waren sie allemal.

Post Ride-/ Pre Camp Beer

Ein Fiat Panda kam angetuckert und die Männer bedeuteten enthusiastisch: Patron, Patron! Das musste also der Chef sein. Ich wurde mit Handschlag begrüßt. Kaum hatte ich auf einer speckigen Ledercouch Platz genommen, war der Laden voll. Aus einer Hand voll wurde Mannschaftsstärke. Natürlich ausschließlich Männer.
Noch einen Augenblick später: Espressi schossen aus der Maschine, Milch wurde aufgeschäumt, Bierflaschen geöffnet und serviert. In Nullkommanix hatte jeder sein Getränk. Natürlich konnte ich in der Feierabendstimmung nicht bei meinem Kaffee bleiben und stieß ebenfalls mit den Einheimischen an. Und nicht mit Kaffeetassen.

Nach fast getaner Arbeit…

In diesem Augenblick wurde mir dann auch bewusst, warum man in Italien durchweg guten Kaffee bekommt. Es ist schlichtweg die Erfahrung. Hier stehen nämlich keine 19-jährigen Studenten hinter dem Tresen, die für 8,50 Euro die Stunde ihr Partybudget aufbessern. Und übrigens: Guten Kaffee gibts auch für 80 Cent.

Letzter Abend im Zelt. Das schrie nach Bier. Also nahm ich auch noch eins für den Weg. Und wie es dieser perfekte Radfahrtag so wollte fand ich nur wenig später einen geeigneten Zeltplatz. Besser ging es nicht: 17 Uhr, leicht einen sitzen und ein ruhiges Plätzchen mit obligatorisch herrlicher Aussicht.

Dinner for one.

Noch ein letztes Mal sog alles in mich auf: Den Klang der läutenden Kirchenglocken, den Duft aus kräutrigen Wildblumen, Dünger und Mist, die Hirtenrufe und das damit einhergehende muhen, mähen, blöken, sowie das goldene Licht der untergehenden Sonne, stets begleitet von Hundegebell. Natürlich kam auch nochmal ein Bauer an meinem Zelt vorbei, der wie immer freundlich grüßte.

Ironischerweise begannen die finalen 50 Kilometer in die Hauptstadt, wie der erste Morgen auf Sardinien begonnen hatte: In einer grauen Suppe aus Nebel. Doch diesmal konnte ich diesen Schönheitsfehler verschmerzen. Ich hatte einen guten Schlaf, der nur durch ein paar Regenschauer in der Nacht gestört wurde und gefroren hatte ich auch nicht.

Der letzte Morgen

Während ich mich auf einer sich einsam windenden Straße durch den Viehdung schlängelte, kämpfte sich die Sonne hervor. Auf den letzten Weg-Espresso folgten 15 eher stressige Kilometer nach Cagliari. Es herrschte viel Verkehr. In der Nähe meiner Unterkunft war ein Radladen, den ich spontan ansteuerte. Ich wurde enttäuscht. Wieder keine Box für mich. Der Signore war aber so hilfsbereit um in einem anderen Laden anzurufen und für mich nachzufragen. Es war ein erstaunlich langes Gespräch für eine simple Frage. Entsprechend gering waren meine Erwartungen. Ich würde keine Box bekommen, aber für den Spottpreis von 20 Euro würden sie mir Rad und Equipment fachgerecht verpacken! Deal! Aber sowas von.

Eingeboxt.

Jetzt konnte ich mich so richtig entspannen. In den kommenden Tagen gab ich mich vor allen den genüsslichen Angeboten der Stadt hin. Pizza, Pasta, Cornetti, Vino, Espresso, Birra, Gelato, zumindest die Vokabeln für Lebensmittel sitzen. Zwischendurch wanderte ich planlos durch die verwinkelte Stadt und versuchte so gut es ging, die Sonne und das italienische Lebensgefühl zu verinnerlichen. Grazie, Sardegna. Alla prossima volta!

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