Vom Wetter und der Nahrungssuche

Vom Wetter und der Nahrungssuche

Der frische Wind blies mir stetig ins Gesicht. Auf kleinen Sträßchen, nicht breiter als ein Feldweg, ging es durch malerische Landschaften. Schweigend fluchte ich auf den Wind und kam dabei nur mühsam voran.

Ein Knick in der Straße und so wie ich die Richtung änderte, schlug das Wetter im. Regen von allen Seiten. Zum Glück fuhr ich gerade durch einen Ort. Durch die Regenströme strahlte mir eine mannshohe Eistüte entgegen. Natürlich war die Eisdiele geschlossen. Doch die überdachte Terrasse bot zumindest etwas Schutz vor dem peitschenden Regen. Als Trost für den ausbleibenden Kaffee oder dergleichen fand ich frei zugängliche Steckdosen, an die ich Telefon und Ladebank schließen konnte.

Land unter, Eisdiele überdacht. Aber geschlossen!

Im Nu strahlte die Sonne und sogar die Straße war im Nullkommanix getrocknet. Genauso schnell erspähte ich die nächste dunkle Wolkenfront. Ein Restaurant am Straßenrand lieferte den ersehnten Nachmittagsespresso. Mit dem dritten Kaffee an diesem Tag besserte ich immerhin meine Koffeinbilanz für diese Reise auf. Kurz nachdem ich die Fahrt wieder aufgenommen hatte fing es erneut zu regnen an. Ich stellte mich abermals unter und wartete auf das Ende des Schauers. Diesmal war es wirklich nur ein kurzer Schauer und als die Sonne wieder schien, setzte ich meinen Weg wohlgesinnt fort.

Der nächste Anstieg. Der nächste Regen. Es begann mit kaum wahrnehmbaren Niesel, doch mit jedem gefahrenen Höhenmeter verdichteten sich die Tropfen. Und sie waren kalt! Wie eisige Nadelstiche betäubte der Regen zunächst Gesicht und Hände und wenig später meine Füße. So, als seien sie nur noch nutzlose Anhängsel meines vor Nässe triefenden Körpers. Natürlich drehte sich jetzt alles darum einen Schlafplatz zu finden. Und das schnell. Ausnahmezustand: Nahe der Verzweiflung bog ich in jede sich mir bietende Abzweigung ein. Das Ergebnis fiel jedes mal negativ aus. Nichts und wieder nichts.

Mir war so kalt! Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen war im reinen Überlebensmodus. Auch wenn das maßlos übertrieben klingen mag, aber genau so fühlte es sich für mich an.

Irgendwann dann mal ein längerer Feldweg. Hoffend fuhr ich immer weiter und weiter, in der Hoffnung nicht gleich wieder umkehren zu müssen. Und tatsächlich bot sich dort die herbeigesehnte Gelegenheit endlich mein Lager aufzuschlagen.

Mittlerweile kann ich mein Zelt innerhalb weniger Minuten aufbauen. Doch an diesem Tag war das Zelt trotzdem nass. Ich weiß nicht, wie häufig ich diesen unangenehmen Ablauf schon durchexerziert habe, aber anscheinend oft genug, um nicht mehr darüber nachdenken zu müssen: Sachen ins Zelt, Klamotten ausziehen, abtrocknen, trockene Sachen anziehen und ab in den Schlafsack. Dann essen und versuchen wieder warm zu werden.

Und wie ich mich jetzt über das verbleibende halbe Hähnchen freute! Was für ein Festmahl. Die verbleibenden Kekse und was ich sonst noch so alles gebunkert hatte mussten auch dran glauben. Aber soviel ich auch in mich stopfte, mir wurde nicht warm.

Es war erst früher Abend und ich war nicht müde. Dennoch schloss ich die Augen, sehnlichst hoffend, dass ich mich besser fühlen würde, wenn ich die Augen das nächste Mal öffnete.

Die Nacht bestand aus einem Gedanken zermürbenden Wechsel von Wind und Regen. Immer wieder stürmte es und Tropfen prasselten auf mein Zelt. Immerhin war mir wieder warm. Zuerst musste ich mich unter enormer Willensanstrengung der Witterung stellen. Zwar nieselte es nur, aber die Feuchtigkeit saß mir noch immer in den Knochen. Fröhlich grüßende Farmarbeiter tuckerten auf Pick-ups und Crossmaschinen an mir vorbei. Der Geruch von Öl und Benzin erinnerte mich sofort an die längst vergangene Zeit, als ich auch noch so eine Höllenmaschine unter dem Hintern hatte.

Licht am Horizont. Das Schlimmste war überstanden.

Nachdem ich das pitschnasse Zelt eingepackt hatte und endlich auf dem Rad saß, fühlte ich mich schon direkt besser. Ein Fetzen blauer Himmel und sogar ein Regenbogen ließen mich auf bessere Bedingungen hoffen. Ich interpretierte das Schauspiel am Himmel als eine Art Entschuldigung für die erschwerten Bedingungen am Abend zuvor. Einzig der fast eisige Wind trübte die Radfahridylle an diesem Tag.

Die erste Kaffeebar war nicht weit und dankbar kippte ich den belebenden Espresso weg. Weniger dankbar schien die verschlafene Wirtin, die ich gerade bei ihrer Zigarettenpause unterbrach. Aber ganz pflichtbewusst spulte sie das unzählige Male durchgeführte Bewegungsprogramm für einen Kaffee ab: Kaffeepulver in den Aufnehmer, stempeln, einsetzen, drehen, Knopf drücken und im selben Moment die Tasse unter den Auslauf stellen bevor sich das schaumig-dunkle Gebräu in die vorgewärmte kleine Tasse ergoss.

Als ich kurze Zeit später wieder gegen den eisig fauchenden Wind ankämpfte, wusste ich was ich in der stickigen, aber warmen Bar hatte. Sie seitlichen Böen rissen mir mehrmals fast den Lenker unter den Händen weg. Zudem bereitete mir der Blick voraus etwas Sorgen, denn der Gipfel, den ich ansteuerte, war von bedrohlich dunklen Wolken umgeben. Glücklicherweise blieb es bei den wenigen Tropfen, die ab und zu rüber geweht kamen.

Leider wurden meine Hoffnungen auf einen Supermarkt enttäuscht. Aber immerhin fand ich eine Bäckerei. Drei Jugendliche verbrachten in der warmen Stube ebenfalls ihre Zeit und verdrückten wie ich ein paar Stücke Pizza und die reichhaltige Auswahl an Plätzchen und Keksen. Aus Mangel an Alternativen packte ich mir das gleiche nochmal als Proviant an.

Die beste Pizza gibt es in Italien.

Nach der erholsamen Pause in der gemütlichen Bäckerei, fühlte sich der kalte Wind noch viel unbequemer an. Es war Ostersonntag und kaum eine Menschenseele war zu sehen, was zum grauen Wetter passte und die einsame Atmosphäre noch verstärkte. Es fühlte sich so an, als gäbe es nur den pfeifenden Wind und mich.

Carbon, Wegweiser, Gestrüpp und Felsen.

Die Stimmung wendete sich zum besseren, als ich auf einen holprigen Feldweg einbog. Hier und da riss die Wolkendecke auf und ich fuhr durch eine märchenhafte Landschaft aus Korkeichenwäldern und moosbewachsenen Mäuerchen aus Vulkangestein. Es blieb jedoch frisch: Obwohl es bereits Nachmittag war, musste ich noch immer Handschuhe, Halstuch und Kapuze tragen, um warm zu bleiben. Schuhe und Socken waren kaum getrocknet, da ging es durch zwei Bäche, die wesentlich tiefer waren, als zunächst ersichtlich. Aber egal, inmitten dieser schönen Gegend kehrte der Fahrspaß zurück.

Immernoch frisch. Aber schön hier!

Nach dem obligatorischen Gatter am Ende des Weges war ich auf einer einsamen Straße, die aber ebenso schön zu fahren war. Rollende Hügel und glatter Straßenbelag sorgten für schnelles Vorankommen. Das erste Mal an diesem Tag, der Wind endlich nicht mehr in mein Gesicht blies und nachgelassen hatte. Wurde auch Zeit. Wieder eröffnete sich der Ausblick auf die unschlagbare Kombination aus Meer und Bergwänden, an der ich mich einfach nicht satt sehen konnte.

Unscheinbar tief, kalt und belebend: Eine der vielen Wasserdurchquerungen auf Sardinien.

In einer verschlafenen Ortschaft konnte ich dann endlich wieder für Abwechslung in meiner Ernährung sorgen. Dafür kippte ich beim einklicken in die Pedale mal wieder um. Es blieb bei einem Kratzer am Bremshebel.

Verschlafenes Dorf am Mittag.

Zwischen Wiesen, Ziegen und einem traumhaften Ausblick auf die vor Leben spriesende sardische Frühlingslandschaft, beendete ich den Tag und schlug mein Lager in einer halbwegs windgeschützten Ausbuchtung am Wegesrand auf. Ohne den Wind, spürte ich dort auch endlich wieder die Wärme der Sonne. Ein versöhnlicher Tagesabschluss.

Aufwärmen mit Aussicht.

Da ich noch immer unentschlossen und unsicher bezüglich meiner Routenplanung war, kam ich nicht umhin mein Handy einzuschalten und die Wetterapp abzurufen. So lernte ich zwei Dinge: Zum einen habe ich heute gegen Windgeschwindigkeiten von 90 km/h angestrampelt und zum anderen würde ich die Windbedingungen ausnutzen, um entgegen meines nicht vorhandenen Plans wieder nach Cagliari zurückzufahren (ursprünglich hatte ich mit einer Zugfahrt geliebäugelt).

Versöhnlicher Tagesabschluss unter klarem Himmel.

Zum Abendessen verdrückte ich alles was noch da war und somit ging ich mit der Gewissheit ins Bett am Morgen kein Frühstück zu haben. Aber hungrig einzuschlafen war auch keine Option. Leider folgte eine weitere eiskalte Nacht. Immerhin strahlte wieder blauer Himmel. Angespornt in der Kleinstadt Nuoro meinen unsäglichen Appetit zu stillen, nahm ich zunächst die knackig kühle Abfahrt in Angriff. Danach ging es auf einer ruhigen und offensichtlich bei Rennradfahrern beliebten Strecke hinauf nach Nuoro. Ich weiß nicht, wo ich die Energie hernahm, aber die Vorfreude auf ein üppiges Frühstück und die zahlreichen Radler, die den Ostermontag für eine Radausfahrt nutzten, trieben mich zu gefühlten Höchstleistungen. Entsprechend schnell war der Berg gemeistert und ich konnte meine volle Konzentration auf die Essensbeschaffung legen.

Die ersten Geschäfte und sogar Cafés waren schon mal geschlossen. Mist. Ich fragte eine Frau nach einem Supermarkt und sie bedeutete mir, dass die Geschäfte heute geschlossen haben würden. In den vergangenen Tagen hatte ich Aufmerksam die Öffnungszeiten-Schilder der Supermärkte und Bäckereien für die Feiertage studiert und war mir demnach sicher hier und heute einen geöffneten Supermarkt zu finden. Doch so langsam bröckelte meine Zuversicht. Und mein Appetit wurde auch nicht kleiner.

Dann fand ich den ersten Supermarkt. Und tatsächlich war dieser zu. Es war auch keine Schild mit Öffnungszeiten zu sehen. Die schwindende Sicherheit nahm nun panikartige Züge an. Am Ende einer kleinen Gasse wartete ein großer, leerer Parkplatz und das nächste Lebensmittelgeschäft. Ein Mann, der gerade zu seinem Auto zurücklief, das einzige auf der Parkfläche, antwortete auf meine Frage Aperto? mit einem kopfschüttelnden Chiuso.

Und trotzdem stellte ich mein Fahrrad ab, ging zu den elektronischen Schiebetüren und – siehe da: Sie öffneten sich! Mitarbeiter des Geschäfts waren damit beschäftigt Waren einzuräumen und blickten mich an wie einen unerwarteten Gast. Immernoch unsicher fragte ich in die Runde: Aperto? Lachend, nickend und einladend gestikulierend antworteten sie mir mit mehrfachen Si, claro! Man hörte den Stein, der in diesem Augenblick von meinem Herz plumpste.

Aufwärmen.
Einfach mal alles einpacken.

Überfordert mit der Auswahl an Nahrung und völlig unterzuckert dauerte der Einkauf deutlich länger als üblich. Das anschließende Frühstück aber auch.

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