Österliche Rumeierei (inklusive Foto-Sepzial: Best of Carbon)

Österliche Rumeierei (inklusive Foto-Sepzial: Best of Carbon)

Das Nickerchen auf dem Kirchvorplatz weckte kreative Energien und ich hielt einige Eindrücke der bisherigen Reise bildlich fest. Danach bewegte ich mich gemächlich in Richtung des Supermarktes.
Ich wusste, dass es noch eine Weile dauern würde bis der Markt sein Blechrollo öffnen würde, doch still sitzen und nichts tun war noch nie meine Stärke. Also beobachtete ich das stetig zunehmende Treiben auf den engen Gassen. Das Ende der Siesta war greifbar und so langsam erwachte der Ort für den zweiten Teil des Tages.

Wenn man Zeit hat

Trotz meiner absoluten Topposition, betrat ich das Geschäft nur als Zweiter. Eine Dame hatte es scheinbar noch dringender nötig, als ich.
Nach den unzähligen Käse-Schinken-Brötchen, änderte ich das Menü und entschied mich für die pizzagroße, papierdünn geschnittene Mortadella.

Papierdünn und groß wie ein Teller: Italienische Mortadella.

Die Weiterfahrt erfolgte auf einer für den Verkehr gesperrten Straße an einem Berghang entlang. An den metergroßen Kratern, Rissen und Abbruchstellen war auch ersichtlich weshalb: Die Straße war akut einsturzgefährdet.
Abgesehen von Schlaglöchern, Steinschlag und dem bröckelnden Abhang zu meiner Rechten, gab es noch weitere Hindernisse. Ziegen und Kühe besiedelten die Hänge und hinterließen reichlich Mist auf der Straße.

Unterwegs auf verlassenen Pfaden

Die untergehende Sonne warf den Schatten der steilen Bergwände auf die Straße. Es wurde sofort kühl. Zur anderen Seite konnte ich den Ausblick auf das Meer genießen. Auf halbem Weg zum nächsten Dorf eröffnete sich eine gute Gelegenheit mein Lager aufzuschlagen. Durch die Berge war ich einigermaßen vom böigen Westwind geschützt, dennoch pfiff mir die kalte Abendluft um die Ohren. Mit Ausblick auf das Meer, erhoffte ich mir einen schönen Ausblick auf den Sonnenaufgang am nächsten Morgen.

Und wieder geht die Sonne auf
Sonnenaufgang II

 

Ich erwachte gerade noch rechtzeitig, um den glühenden Morgenhimmel sehen zu können. Kurz darauf versteckte sich die Sonne nämlich hinter einer geschlossenen Wolkendecke. Der Wind sorgte für ein trockenes Zelt und ich konnte mich schnell auf den Weg zum nächsten Ort machen, um einen Morgenkaffee zu genießen.

Carbon und Holz

Als ich die erste Bar betrat, hatten die ersten Herrschaften bereits ihr erstes Bier intus. Oder war es das letzte? So genau lässt sich das um 9 Uhr morgens nicht sagen. Schließlich war ja Ostern.

Carbon und Stahl

Auf den belebenden Espresso folgte eine seichte, aber lange Kletterpartie auf über tausend Meter. Zunächst durch einen mystischen Wald aus Korkeichen, später mit schönen Ausblicken auf die zerklüftete Insellandschaft. Nur um diesen Anstieg in Relation zu bringen: Die höchste Erhebung, die ich dieses Jahr erklommen hatte, lag knappe 200m hoch.

Carbon und Kork

Auf dem Weg nach oben begleiteten mich die Schriftzüge namhafter Radprofis, die sich im Rahmen des Giro d’Italia hier hochgestrampelt haben.

Oben. (Carbon, Berg und Tal)

Die lang gezogene Abfahrt bot einen sagenhaften Ausblick auf ein weites Tal, das komplett von der Landwirtschaft beansprucht wurde. In der Ferne strahlte das Meer in der Mittagssonne. Damit hatte ich mein heutiges Zwischenziel direkt vor Augen. Also ging es von 1000 auf 0 Meter. Wie gewonnenen, so zerronnen.

Immernoch oben.

Ich steuerte die für seine Buchten und Grotten bekannte Ortschaft Cala Gonone an. Eine steile, von Haarnadelkurven gesäumte Straße brachte mich direkt an die Küste. Wohlwissend, dass ich später wieder steil aus dem Ort hinausfahren musste, gönnte ich mir eine klassische Radfahrermahlzeit direkt am Wasser. Bier, Vanillecreme-Croissant und Pizza. Ungefähr in dieser Reihenfolge. Dolce Vita par execellence. Von oben brutzelte die Sonne, vor mir rauschten die Wellen in beruhigendem Rhythmus und die Luft war erfüllt von der frischen, salzigen Meeresluft. Genüsslicher lässt es sich wohl nicht speisen.

Radfahrer Snack

An dieser Stelle sei das wirklich hervorragende einheimische Bier namens Ichnusa erwähnt. Lecker Stöffche, wie man in meiner Heimat zu sagen pflegt. Es war das erste, aber nicht das letzte auf dieser Reise.

Carbon und Wasser

Mit leichtem Knall ging es auf einer anderen Straße wieder aus dem Ort heraus. Diesmal ohne Haarnadelkurven, dafür doppelt so steil. Zumindest verflüchtigte sich so mein leichter Schwipps. Angetan von dem Besuch am Meer, steuerte ich direkt die nächste Bucht an. Dort fand ich einen einsamen Strand, der zum Verweilen einlud. Die Sonne wurde allmählich für Wolken eingetauscht und es herrschte drückende Hitze.

Carbon und Stein

Über einen schmalen Pfad, der zu Fuß erklettert werden musste, gelangte ich zur nächsten Bucht. Von dort aus konnte ich meine Reise auf der Straße fortsetzen. Natürlich ging es nun wieder nach oben. Ich spürte die bereits zurückgelegten Höhenmeter des Tages und die immer wiederkehrenden steilen Rampen konnten nur durch höchste Kraft- und Willensanstregung überwunden werden. Es war ein unästhetisches Reißen, Stampfen, Ziehen und Drücken, aber irgendwie bewältigte ich jede Steigung, ohne absteigen zu müssen.

Der Wind von der Seite, das Meer im Blick

Irgendwann war die “letzte” Kuppe wirklich die letzte Kuppe und ich fand mich im Ort Dorgali wieder. Mittlerweile sah es stark nach Regen aus. Als ich vom Rad stieg um in den Supermarkt zu gehen, wehten die ersten Tropfen herüber. Eigentlich waren meine Transportkapazitäten bereits ausgeschöpft, aber ein Käse-Schinken-Brot musste noch irgendwo Platz finden.

Bucht-Hopping: Zweite Mittagspause am Strand (Carbon und Sand)

Nach der schnellen Einkaufstour, zeigte sich der Himmel bereits wieder freundlicher. Ich setzte meine Fahrt fort um ein geeignetes Nachtlager zu finden. Es war Karfreitag und die Landwirte beackerten im wahrsten Wortsinn bis zum letzten Tageslicht ihre Felder. Die Ruhe nachdem der letzte Motor austuckerte war ein Segen. Am Ende eine Feldwegs, inmitten all der Bauernhöfe, verbrachte ich die Nacht.

Es wurde eine lange, lange Nacht. Ob es am Wind, am hell leuchtenden Vollmond oder aus der Kombination von beidem lag, konnte ich nicht sicher sagen. Jedenfalls war ich am Morgen müder, als am Abend zuvor.
Beim Zeltabbau erwischten mich doch tatsächlich wieder ein paar Regentropfen. Allerdings sollte mich das wohl eher auf den Regenbogen aufmerksam machen, als mich ernsthaft nass zu machen.

Ein weiterer schöner Morgen auf Sardinien

Über kleine Straßen, die nicht breiter als ein Feldweg waren, ging es durch malerische Frühlingslandschaften. Der Goldregen stand in voller Blüte und erfüllte die Luft mit seinem süßlich-schwerem Duft. Egal wohin man blickte, überall sah man die leuchtend gelben Farbtupfer der Natur.

Ich mühte mich einen unendlich scheinenden Anstieg hinauf. Jedes Mal wenn die Straße etwas abflachte, glaubte ich das Ende erreicht zu haben. Doch die Straße stieg immer wieder aufs Neue an.

Als ich dann wirklich den Bergkamm erreichte, musste ich gegen einen unangenehmen Seitenwind ankämpfen. Auf der gefährlichen Abfahrt forderte mich nicht nur der Wind, sondern auch Sand, Kies und unzählige Schlaglöcher h

Endlich im Tal angekommen, hatte ich den kräftig blasenden Wind in meinem Rücken. Die heftigen Böen peitschten mich im Affenzahn und auf gutem Straßenbelag nach vorne. Erstmals traf ich auf andere Radfahrer. Und das gleich in Mannschaftsstärke. Auch auf Sardinien gilt: Das Wochenende ist zum Radfahren da!

Mein Tank war schon lange leer, aber ich wollte in Ruhe und geschützt vom Wind eine Pause einlegen. Der nächste Ort war im Nu erreicht. Hungrig wankte ich in einen aus allen Nähten platzenden Supermarkt. Die akute Folge meines ausgehungerten Zustands in dem überfüllten Laden war die absolute Überforderung. Der Heißhunger überwältigte mich und ich kaufte ein ganzes (!), frisch gerilltes Brathähnchen an der heißen Theke. Nicht wissend wie dieser Tag enden würde, war das ein überaus cleverer Einkauf.

Pausenplätzchen

Vom Supermarkt rollte ich noch ein paar Kilometer weiter in den Küstenort mit dem wohlklingenden Namen San Giovanni.
Dort fand ich ein windgeschütztes Plätzchen direkt am Wasser. Nicht nur schön, sondern auch praktisch, da ich mir nach dem fettigem Mahl die Fett verschmierten Finger und Schnute waschen konnte. Wasser würde ich später aber noch reichlich bekommen…