Pläne sind dafür da, um von ihnen abzuweichen

Pläne sind dafür da, um von ihnen abzuweichen

Den kommenden Morgen hätte ich mir nicht schöner ausmalen können. Vielleicht ein bisschen wärmer. Aber es herrschte herrlichstes Frühlingswetter. Die Vögel zwitscherten, im Hintergrund läuteten einige Kuhglocken und die Sonne lachte am blauen Himmel. Es war ein weitaus angenehmeres Aufwachgefühl, als nur 24 Stunden zuvor.
Entsprechend beschwingt setzte ich meine Route fort. Mir war bewusst, dass ich auf einer Mountainbikepassage unterwegs war. Die zahlreichen Abschnitte in denen ich mein Bike schultern musste, machten mir das nur allzu sehr bewusst.

Kühle Quelle am Morgen

Gute fünzig Meter kraxelte ich auf dem Rad einen steinigen, losen Schotterweg hinunter. Eindeutig zu schwierig für mich und mein Rad-Setup. Die Optionen waren klar: Entweder eine weitere Episode Hike-a-Bike, oder umdrehen und mich entlang ausgetretener Pfade bewegen. Die Entscheidung fiel mir leicht.
Ein letzter Blick voraus, dann verabschiedete ich mich im Geiste von der Route, kehrte um und kraxelte den Hang wieder hinauf. Vorbei an meinem Schlafplatz und dann den steilen Asphaltweg runter, den ich mich am Vorabend noch mühsam hochgekämpft hatte.

Beste Aussichten

Obwohl die Sonne bereits in das lang gezogene Flusstal schien, war es noch empfindlich kalt. Ich genoss die frische Luft. Vor allem als es lange und steil aus dem Tal hinausging. Eine Quelle unterbrach meine Kletterei und ich erfrischte mich am kalten Wasser. Am Ende des Anstiegs war ich wieder in der Ortschaft in der ich den Supermarkt gesucht hatte.

Es war regelrecht befreiend wieder auf befestigten Straßen unterwegs zu sein. Radfahren und nicht Radwandern – und schon gar nicht Radkämpfen. Ob der unzähligen Anstiege, es gibt nur Auf oder Ab auf Sardinien, war es nicht weniger anstrengend. Die größte positive Überraschung war die beinah gespentische Ruhe auf den Straßen. Kaum ein Auto bekam ich zu sehen. Der absolute Radfahrhimmel.

Die Sonne ballerte ordentlich vom Himmel und das erste mal konnte ich alle Kleidungsschichten ablegen. Nach einer steilen Abfahrt spuckte mich eine schmale Gasse direkt an einem kleinen Tante-Emma-Lädchen aus. Der ideale Zeitpunkt für das nächste Prosciutto-Formaggio-Brötchen! Direkt gegenüber war eine schattige Bank mit Ausblick auf Berge, Täler und das Meer! Wer hier keine Pause macht, ist selber schuld.

Parkbankzeit ist Pausenzeit

Die kräftige Frau hinter der Theke kümmerte sich vortrefflich um mich: Wie viele Scheiben Käse, wie viel Schinken? Und dazu half sie mir bei der Wahl des richtigen Brotes.
Die somit gewonnene Energie wurde auf dem darauf folgenden langen, aber herrlich zu fahrenden Anstieg wieder verbraten. Am Ende des Bergs lud ein Café an der einsamen Bahnstation zur Pause ein. Espresso, Gummibärchen, und weiter. Es war der erste Espresso seitdem ich auf dem Rad saß. Einer von sehr viel die folgen würden. Dolce Vita!

Pausenzeit ist Panino-Zeit

Auf angenehmen Steigungsprozenten wurde ich immer weiter nach oben katapultiert. Wenn die Berge oder der Wald den Blick freigaben, eröffneten sich sagenhafte Ausblicke auf die schier unendliche Berglandschaft Sardiniens. Das Highlight waren die verschneiten Gipfel in der Ferne.
Ich dachte über einen weiteren Schlenker in die Berge nach, aber meine Provianttaschen signalisierten mir ein klares Nein. Ich hätte keinerlei Verpflegungsmöglichkeiten gehabt.

Radfahrtraum auf sardisch

Am Nachmittag fand ich mich dösend auf einer Steinbank vor einer Kirche wieder. Interessant wie gemütlich eine Steinunterlage sein kann, wenn man den ganzen Tag Fahrrad fährt. Ich musste warten, bis der Supermarkt öffnete. Zwei Stunden um zu ruhen, nachzudenken, zu schlafen und meine Umgebung zu beobachten. Zumindest dort wurde ich meinem Motto “es diesmal langsam angehen” zu lassen gerecht.

Caffe uno

So war das also vor langer, langer Zeit, als man noch kein Smartphone hatte und auch kein Buch für den schnellen Zeitvertreib greifbar war. Für diese Tour hatte ich mich bewusst dazu entschlossen keinerlei konsumierbare Medien mitzuführen. Natürlich hatte ich mein Telefon, aber auf Radtour heißt es bei mir stets Akku sparen. Das Handy auf Radreisen dient allein der Navigation, Bilder machen und um im Notfall Hilfe zu rufen. Manchmal habe ich auch Kopfhörer dabei, um abends im Zelt ein wenig Musik zu hören. Das war´s. Aber dieses Gefühl absolut raus zu sein, abgeschnitten und auf nichts und niemanden reagieren zu müssen, ist unschlagbar und ich lege jedem ans Herz das mal auszuprobieren. Und sei es nur für einen Tag.

Wenn man Zeit hat…

Im Umkehrschluss verbrachte ich viel mehr Zeit mit dem Schreiben. Schon allein das Bewusstsein nur das Schreiben als aktive Ablenkung zu haben, wenn ich nicht auf dem Rad saß, bewirkte, dass ich meine Umgebung und Erlebnisse bewusster wahrnahm. Schließlich wollte ich ja darüber berichten. Sonst habe ich immer noch etwas zum Lesen dabei. Diesmal sind meine Tagebucheinträge länger und trotzdem ordentlicher als sonst. Mehr davon im nächsten Beitrag.

Grazie & Ciao!