Locker flockig auf Sardinien

Locker flockig auf Sardinien

Mit Sack und Pack stand ich am Flughafen in Cagliari auf Sardinien. Da ich schon unzählige Male direkt vom Flughafen losgeradelt war, machte ich mich auf den damit verbundenen Stress gefasst. Es ist nicht unbedingt der Verkehr, der einem als Radfahrer das Leben schwer macht. Vielmehr sind Flughäfen im Allgemeinen Fahrradunfreundliche Orte. Es gibt weder Radwege, noch sind die Autofahrer auf Fahrradfahrer eingestellt. Ist ja auch ein Stück weit verständlich, denn wer fährt schon mit dem Rad zum Flughafen? Auf der anderen Seite: Den Bahnhof erreiche ich problemlos auf Zweirad.

Bereit zur Abfahrt

Wie dem auch sei. Jetzt ging es jedenfalls los. Dank der GPS-Navigation musste ich nur der blauen Linie auf meinem Smartphone nachfahren. Das macht das Fahren schon mal um ein Vielfaches einfacher. Oft erinnere ich mich zurück an meine erste Radreise überhaupt. Bewaffnet mit kiloweise Kartenmaterial machte ich mich damals auf den Weg.
Über den Parkplatz, vorbei an den Taxis und Mietwagenflotten und schon war ich runter vom Flughafen und auf einem Feldweg. Note 1 für Radfreundlichkeit am Flughafen Cagliari. Note 5 für Sicherheit, denn von dem Feldweg könnte man ohne Hindernisse auf das Rollfeld fahren…Mir egal. Es war der entspannteste Start von einem Verkehrsknotenpunkt überhaupt!

Durch das Gatter auf die Rollfeldwiese

Ich war also erstmal eine Weile off-road. Es folgte das obligatorische Industriegebiet und sofort darauf fühlte es sich übertrieben klischeehaft nach Italien an: Schmale Alleen, verwinkelte Gassen, alte Dörfer. Bella Italia! Schnurstracks ging es in Richtung der Berge. Zugegeben ist es schwer auf Sardinien keine Berge anzufahren. Wenn man keine Berge sieht, blickt man aufs Meer.

Allez Allee

Prompt wurde es steil, staubig und steinig. Ich spürte die Nachwehen der vorangegangenen Radtour von Köln nach Frankfurt. Aber zu Beginn einer Tour kennen Motivation und Freude keine Grenzen. Das treten fiel mir brutal schwer. Wohl auch, weil ich das bepackte Rad noch nicht derart steile Rampen hochgeprügelt habe. Aber ehe ich mich versah, war ich mitten drin im Urlaub: Die Nachmittagssonne strahlte mich an, ich war umgeben von grünen Hügeln und blickte aufs Meer. Dolce Vita.

Kirche und Carbon

Ich hatte mir vorgenommen es gemächlich angehen zu lassen. Üblicherweise schaffe ich es auf solchen Unternehmungen nämlich mich vollends zu zerstören. Gelassen über das italienische Eiland war das Motto. War. Vorab lies ich sogar verlauten “möglichst wenig Rad fahren” zu wollen. Ich hatte weder ein Ziel, noch eine ausgewählte Route. Mein Plan bestand vielmehr aus einer Vielzahl an Streckenoptionen. Also darin keinen Plan zu haben.

Und zack in der Natur

So kam es auch, dass ich nach guten drei Stunden auf dem Rad beschloss den sportlichen Teil des Tages zu beenden. Prompt begegnete ich einem sardischen Bauern. Die erste von vielen Begegnungen auf dieser Reise. Der wettergegerbte, schmale Mann mit Dreitagebart klapperte in seinem dunkelblauen Fiat Panda (4×4!) den Berg runter, den ich rauf wollte. Wo es hinginge, fragte er mich. Zumindest glaubte ich, dass er mich das fragte. Mein italienisch beschränkt sich (immer) noch auf die notwendigen Vokabeln wie “ciao”, “grazie” und natürlich “caffe”. Er wollte mich mitnehmen, aber ich zeigte den Berg hinauf (und wollte ja sowieso da bleiben, wo ich war).

Fiat Panda überall

Wenn ich mir einen perfekten ersten Tag hätte wünschen können, hätte er genau so ausgesehen. Von meinem Zeltplatz überblickte ich die bereits zurückgelegte Strecke. Das sanfte Abendlicht legte sich über die Landschaft. Ich konnte den kleinen Flughafen, das Meer und die Felder, Wiesen und Vororte der sardischen Hauptstadt überblicken. Ich war umgeben von der ländlichen Idylle. Vögel zwitscherten den Sonnenuntergang herbei und Rindvieh wackelte auf der Suche nach Essbarem durch die Büsche.

Goats staring at cyclist

Ganz anders hingegen, präsentierte sich der nächste Morgen. Allein die Nacht war schon eine Nummer für sich. Es war windig, stürmisch! Und einige Böen schienen mein Zelt vom Boden zu heben. Es riss, zog und drückte von allen Seiten. Neben einigen Regentropfen, kühlte es zudem erheblich ab. Es. War. Kalt. Himmel! Mein Schlafsack war definitiv nicht warm genug. Bei weitem nicht. Schon bald nach dem Zubettgehen, zog ich alle mitgeführten Kleidungsstücke an: Socken, Jogginghose, Thermoshirt, Hemd, Windjacke, Fleece, Regenjacke und mein Halstuch als Mütze. Es war noch immer nicht genug. Es war nicht die erste Nacht in der ich im Zelt gefroren habe. Aber es gibt Dinge, die nicht angenehmer, oder einfacher werden, wenn man sie häufiger erlebt.

Die Nacht endete und der erste Blick aus dem Zelt offenbarte nichts. Ich glotzte auf eine dicke, kalte Nebelwand. Noch nicht mal den Weg, der nur wenige Meter entfernt war, konnte ich erkennen. Ganz zu schweigen von Tälern, Bergen und Meer, die ich am Vorabend bewunderte.

Es half alles nichts. Nach einem Frühstück bestehend aus vielen Lakritzschnecken und einer halben Tafel dunkler Schokolade, legte ich mich nochmal eine Stunde hin. Im Gegensatz zur turbulenten Nacht, fiel ich jetzt in absoluten Tiefschlaf. Nach einer Stunde der Erholung ging es in die nasse Kälte. Mein Lieblingswetter. “Da hätte ich auch zuhause in Deutschland bleiben können”, schoss es mir durch den Kopf.

Der nächste Gedanke entsprang glücklicherweise meiner Abenteurernatur und ich nahm es als aufregende Herausforderung den matschigen und steinigen Weg nach oben zu bezwingen. Was blieb mir auch anderes übrig? Die Uhr zeigte bereits 9:15 Uhr. Ungewöhnlich spät für mich, doch übereinstimmend mit meinem Vorsatz für diese Tour alles einen Tick entspannter und ruhiger angehen zu lassen.

Der Abenteurergeist bescherte mir eine regelrechte Schinderei. Den gesamten Vormittag fühlte es sich so an, als wollte dieser Berg nicht erklommen werden. Nicht hier, nicht heute. Oder wollte er mich einfach nur loswerden? So sicher war ich mir da nicht. Es war ein bisschen so wie in Tadschikistan, als ich wenige hundert Meter vor der Grenze zu Kirgistan dem unnachgiebig peitschenden Gegenwind Tribut zollen musste – Notgedrungen musste ich völlig entkräftet zwischen Straßengraben und Abflussrohr mein Lager aufschlagen.

Slippery Slope

Nach unzähligen Maximalkraftanstrengungen, meine Übersetzung war definitiv zu groß für mein beladenes Rad (oder meine Ausdauerbeinchen), sowie Episoden des Fast-in-den-Schlamm-Fallens und Schiebens, erreichte ich irgendwie den höchsten Punkt des Anstiegs. Stets begleitet vom Läuten der Zicklein, die auf Sardinien ebenso zahlreich erscheinen wie die klapprigen Fiat Panda.

Määähr Ziegen

Just ab diesem Moment lichtete sich auch die graue Suppe um mich herum. Selbst der Matschweg wandelte sich zu einer richtigen Straße. Mit Leitplanke. Wohoo.
Als hätte ich eine Pforte zurück in die normale Welt passiert, fühlte sich alles wieder wirklich an.

Ich erreichte das erste Dorf. Durch Zufall stieß ich auf den versteckten Supermarkt. Überhaupt hatte ich das Gefühl, dass die Supermärkte auf Sardinien immer versteckt waren. Die Frau hinter dem Tresen war sehr hilfreich als es um das Belegen meines heiß ersehnten Prosciutto-Provola-Panino ging, welches ich genüsslich auf einer Parkbank in der Sonne verdrückte. Das heißt: Zur Hälfte verdrückte. Den Rest hob ich mir für später auf.

Prosciutto-Provola-Panino No. 1

Auf eine rasante Straßenabfahrt, folgte eine Flussdurchquerung. 12 Meter durch kaltes, klares Wasser. Die Radlerhose war gerade kurz genug, um nicht nass zu werden. Wer sein Rad liebt – schiebt, d.h. in diesem Falle trägt. Nach der überaus erfrischenden Abkühlung heizte die Sonne ordentlich ein. Frühlingsgefühle Mitte März. Endlich. Hier unten hatte die Sonne bereits ordentlich Dampf. Und mit Dampf ging es dann auch stetig bergauf. Ich befand mich in malerischer Landschaft. Wobei es sicherlich einfacher wäre die Orte auf Sardinien aufzuzählen, an denen das nicht der Fall ist.

Berg-Bach-Brücke

Beinahe am Ende des Anstiegs angelangt, eröffnete sich der Ausblick auf die umliegenden Hügelformationen. Auf dem nächstgelegenen Berg konnte ich eine scheinbar in den Fels gebaute Befestigungsanlage ausmachen.
Das sonnige Wetter und die herrliche Landschaft erzeugten tiefste Entspannung. Ich war so entspannt, dass ich endlich mal wieder ein großes Geschäft abwickeln konnte. Mindestens 5 Kilo leichter fuhr es sich noch entspannter.

Durch das kalte klare Wasser

Auf dem folgenden Plateau mussten unzählige Gatter durchquert und Zäune überwunden werden. Ich dachte das ständige absteigen, Rad hochwuchten, behutsam auf der anderen Seite der Zäune absetzen sei anstrengend. Doch dann folgte eine Episode, die mir die Grenzen meiner neuen, zweirädrigen Begleitung aufzeigten.

Geschäfte machen mit Aussicht

Es ging hinab in einen wilden Wald. Das war noch harmlos. Der Weg durch den Dschungel wurde zum schmalen Pfad, im Mountainbike-Sprech nennt sich das Singletrack, der von kratzborstigen Sträuchern überwuchert war. Das minderte den Fahrspaß beträchtlich. Spätestens jetzt konnte nur noch bedingt von Fahren gesprochen werden. Da sich der Dschungel aus einem unüberschaubaren Bachnetz ernährte, waren die Pfade ausgewaschen, teils von Felsbrocken übersät und wurden hier und da von Bachläufen durchbrochen. Das Auf- und Absteigen setzte sich also fort, diesmal verbunden mit Schieben. Und davon viel. So langsam schimmerte mir, was es mit dem Begriff Hike-a-Bike auf sich hatte (Das Fahrrad wandern).
Zu aller Schinderei kam, dass ich mich in dem Wege-Labyrinth verfuhr. Auch die beste Navigationsapp ist nutzlos, wenn man nicht hin und wieder draufschaut.

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Die Anstrengung wich Genervtheit. Ich hatte Hunger und Nachmittagsmüdigkeit machte sich breit. Zeit für eine lukullische Aufmunterung. Frustessen. Zeit für Teil Zwei des schmackhaften Schinken-Käse-Brötchens. Doch, wo zur Hölle war es?! Es war weg! Und dann erinnerte ich mich an den Moment der Tiefenentspannung. Beim herauskramen der Toilettenpapierrolle, musste ich es wohl beiseite gelegt haben. Ein Haufen für ein Brötchen. Kein guter Tausch.

Jammern konnte ich noch so viel, am Ende konnten mich nur Taten aus dem Schlamassel befreien. Ich wollte raus aus diesem Wald-Wasser-Wege-Wirrwarr. Außerdem war es so langsam mal Zeit für einen Espresso. An Ort und Stelle würde ich weder das eine, noch das andere bekommen. Auf die Zähne beißen, den Jammerlappen auf lautlos stellen und wieder Meter machen. Von jetzt an am besten in die richtige Richtung.
Statt des köstlich belegten Brötchens, welches nun eingewickelt in eine Serviertte auf einem einsamen Hügel mit bester Aussicht sein absehbares Dasein fristete, blieben mir ein paar Lakritzschnecken und eine Mandarine. Immerhin.

Irgendwie genügte das um mich auf eine herbeigesehnte Straße zu bringen. Endlich konnte ich wieder spürbar Strecke machen. Es war halb sechs. Blieben also noch knapp 90 Minuten bis zum Sonnenuntergang. Bis dahin hatte ich noch zwei essentielle Aufgaben auf meiner imaginären To-Do-Liste abzuhaken: Schlafplatz finden und Essbares auftreiben.

Der nächste Ort: Entlang der Hauptstraße fand ich lediglich die Metzgerei, sowie ein Obst- und Gemüselädchen. Letzteres hatte bereits geschlossen. Der erste Versuch jemanden nach dem Supermarkt zu fragen endete am Ortsausgang. Kein Supermarkt. Mag an meinen italienisch Kenntnissen gelegen haben. Ein anderer älterer Herr ließ erst eine scharfe Salve italienisch auf mich einprasseln, bevor ich ihm signalisieren konnte, dass ich praktisch nichts verstanden hatte. Glücklicherweise sprach der gute Mann deutsch, weil er sieben Jahre in Bremen gelebt hatte. Sodann kramte er sein so schön italienisch angehauchtes Deutsch hervor und erklärte mir den Weg.
Da ich mich nicht nochmals in der verwinkelten Ortschaft verirren wollte, vergewisserte ich mich an einem der genannten Wegpunkte, ob ich noch auf der richtigen Fährte war. Der ebenfalls ältere Herr, diesmal ohne Deutscherfahrung, sprang in seinen Fiat Panda (was sonst?) und bedeutete mir ihm zu folgen. Im Windschatten seines Wagens kam ich beim Supermarkt an, den ich alleine niemals gefunden hätte.

Feierabend pünktlich zum Sonnenuntergang

Ich füllte den Einkaufskorb bis zum Anschlag und verstaute das Zeug notdürftig in meinen bereits ausgelasteten Packtaschen. Den Rest transportierte ich in meinem Reiserucksäckchen. Nach nur dreißig weiteren Minuten auf dem Rad und einem todessteilen Schlussanstieg fand ich einen geeigneten Schlafplatz. Zwitschernde Vögel, Kuh-Gemuh und das Rauschen des Windes begleiteten die untergehende Sonne. Und das war das Ende meines Diesmal-lasse-ich-es-locker-angehen-Vorhabens. Fortsetzung folgt.

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