Wie man mit dem Fahrrad verreist. Diesmal: Sardinien

Wie man mit dem Fahrrad verreist. Diesmal: Sardinien

Und plötzlich stehe ich am Flughafen Frankfurt. Mal wieder. Schon wieder. Gerne immer wieder.

Es ist ein sonniger Morgen Ende März 2018. Terminal 1, Abschnitt C, Schalter 720, Alitalia. “Ist das ein Fahrrad?”, erkundigte sich die Dame beim Check-in mit Blick auf meinen Fahrradkarton. Einer dieser Momente in denen man sich dringlichst einen blöden Kommentar verkneifen sollte. Aber ich bin ja geübt, wenn man so will. Mittlerweile gehören die unsicheren Blicke, schüttelnden Köpfe, bei Kollegen Hilfe suchenden, schier überforderten Airlineangestellten zu meiner Reiseroutine. Diesbezüglich scheint “reibungslos” ein Fremdwort zu sein. So auch diesmal.

Einer der Hauptgründe mit Alitalia zu verreisen, war die Möglichkeit Fahrräder als Teil des Freigepäcks mitzunehmen. In der Regel verlangen die Airlines mindestens 50 Euro pro Strecke für die Fahrradmitnahme.

Nun stand ich also an besagtem Schalter und scheinbar war das Einchecken meines Zweirades nicht mit dem Buchungssystem kompatibel. “Sie müssen dafür noch bezahlen!”. – Dio mio! Einmal mehr war ich also in der Situation der Fachfrau die Gepäckpolitik ihres Arbeitgebers erklären zu müssen. Während ihr Kollege sie durch das Check-in-Programm lotste, rief ich sicherheitshalber besagten Paragraphen für die Mitnahme von Sportgepäck auf. Und plötzlich ging es dann doch. Etwas holprig, aber immerhin – die erste Hürde war genommen.

Viele, die von meiner Art zu reisen hören, erstarren vor den sportlichen Anstrengungen die meinen Radreisen zugrunde liegen. Für mich besteht die wirkliche Herausforderung meist in der Logistik. Konkret bedeutet das, wie komme ich zum eigentlichen Startpunkt, wenn ich nicht von zuhause starte.

Ohne Rad keine Reise. Das muss dann eingepackt werden. Dafür braucht es eine Kiste. Die will erstmal organisiert werden. Ist das Rad samt Zubehör eingetütet, muss man diese letztlich noch zum Flughafen transportieren. In der Summe auf jeden Fall ein zeitaufwändiges Prozedere. Wenn man es dann wirklich bis zum Check-In Schalter geschafft hat beginnt die Phase des Eincheckens. Vor Jahren schon, dachte ich alle Eventualitäten dieses Schrittes erlebt und gemeistert zu haben. Jüngste Erlebnisse beweisen mir aber immer wieder das Gegenteil. Ganz sicher warten hier noch neue Überraschungen auf mich.
Wenn die Radkiste dann endlich den Gepäckaufkleber bekommt, muss man die Kiste zu irgendeiner ominösen Tür in einer dunklen Ecke des Flughafens befördern. Um nach dem Check-In-Stress der allgemeinen Verunsicherung die absolute Krone aufzusetzen, arbeitet an diesem separaten Gepäckband in der dunklen Ecke ein meist wortkarger Mensch, der im besten Falle mit einem Nicken auf die Frage antwortet, ob es das jetzt war. Dann bangt und betet man, die Kiste mit intaktem Inhalt am Zielflughafen wiederzusehen.

Bei meinem alten, eingerittenen Stahlross, dem Surly Longhaul Trucker, machte ich mir von mal zu mal weniger Gedanken, wenn ich es auf seine eigene kleine Reise schickte. Es hat mindestens so viele Flugmeilen, wie gefahrene Kilometer hinter sich. Nach Sardinien begleitete mich zum ersten mal mein noch jungfräuliches Carbonrennpferd. Wenn das mal gut gehen würde…

Bevor es in den Flieger ging, war erstmal Busfahren angesagt. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal über eine Gangway direkt vom Terminal in das Flugzeug gestiegen bin. Der Preis des Billigfliegens. Oder das Resultat von zu großen Flughäfen. Die wenigen Passagiere dieses Fluges wurden auf zwei Busse aufgeteilt. Im Gegensatz zu der überschaubar großen Maschine, herrschte hier noch Bein- und Bewegungsfreiheit.
Zunächst standen wir erstmal lange auf dem Rollfeld. Vor unserer Maschine. Das heißt: Der Bus stand mit uns auf dem schier unendlichen Gelände des Frankfurter Flughafens. Dann passierte erstmal nichts.

Augenscheinlich hatten wir unsere Maschine erreicht. Wir waren da. Der Flieger auch. Aber wir durften nicht aussteigen. Natürlich wurde uns auch nicht mitgeteilt was vor sich ging. Aber: Irgendwas war im Gange: Zwei Einsatzwagen der Bundespolizei vor uns.
Eine Beamtin lief mehrmals vom Fahrzeug die Treppe zum Flugzeug hoch und wieder zurück. Rucksäcke wurden aus dem Auto geladen, dann wieder zurückgebracht. Spontan dachte ich an einen Gefangenentransport oder sowas. Ohnehin waren mir die Sicherheitskontrollen heute wieder sehr streng vorgekommen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kam dann endlich Bewegung in die Sache. Action! Von der hinteren Flugzeugtreppe bewegte sich ein vielleicht sechs oder acht Personen starker Trupp die Treppe herunter. In dessen Mitte ein schwerer Gegenstand, jedenfalls den kurzen, aber schnellen Schritten nach zu urteilen. Auf dem Rollfeld angekommen entpuppte sich der schwere Gegenstand als Mensch, der mühsam an allen Vieren heruntergeschleppt wurde. Während mehrere Leute die Person fixierten, fesselte sie ein weiterer, auf dem Rücken der Person kniend, mit einem Kabelbinder.
Nachdem das Schauspiel weitestgehend vorbei war, fiel einem pfiffigen Beamten ein, die Busse mit den geladenen Zuschauern, also uns Passagieren, nochmal kurz auf eine Extrarunde um den Flughafen zu schicken, um die Sache in Ruhe abwickeln zu können.
Nach der kleinen Sightseeingtour um das Rollfeld präsentierte sich die Szenerie als wäre nichts gewesen: Ein Flugzeug, zwei Treppenaufgänge, keine Polizeiwagen.

Während wir uns auf dem Weg zur Reiseflughöhe befanden, teilte uns der Pilot dann entschuldigend mit, dass es sich bei dem Vorfall um einen “nicht kooperierenden Passagier” gehandelt habe. Wer es glaubt wird seelig. Mein Tipp bleibt beim blinden Passagier oder einem übermäßig alkoholisierten Fluggast.

Spannende Verspätung

Nach der nicht unerheblichen Verzögerung, sorgte ich mich, wie auch benachbarte Mitreisende, um die Anschlussflüge. “Kein Problem”, versicherte uns der silberhaarige Steward (ganz der Italiener). Der Flieger sei sogar pünktlich. Allerdings denke ich, dass er bei seiner Angabe die in Italien obligatorischen 30 Minuten Verspätung mit einberechnet hatte. In etwa so wie die Deutsche Bahn nur Verspätungen von 5 Minuten und mehr in ihre Statistik aufnimmt. Herrschaften! Entweder man ist pünktlich. Oder nicht. PUNKT. Nicht KOMMA. Oder FRAGEZEICHEN. Wo kommen wir denn da hin?!

Aber egal. Letztlich bot der kleine Mailänder Flughafen mit seinen kurzen Wegen sogar genug Zeit für den ersten Espresso auf italienischem Boden. Ciao Italia! Was mir immer wieder auffällt, ist die schiere Anzahl gut gekleideter Menschen in Italien. Oder anders ausgedrückt: Die ausnahmslose Abwesenheit schlecht gekleideter Menschen (minus Touristen). Ein weiteres Indiz dafür, dass ich mich beim Umsteigen auf italienischem Boden befand waren die vielen Wegweiser zum nächsten Caffé-Stand (das Piktogramm der dampfenden Kaffeetasse).

Erster Espresso auf italienischem Boden – Umsteigen in Mailand

Eine Stunde nach dem Mailänder Espresso, war ich bereits auf sardischem Boden und sehnte das Erscheinen meiner Radkiste herbei. Die Ankunftshalle in Cagliari hat die Ausmaße einer größeren Turnhalle. Meine Radbox sollte direkt vom Rollfeld durch eine Schiebetür gebracht werden. Vorausgesetzt, dass sie überhaupt mit mir im Flieger war…

Und dann erlebte ich einen dieser Momente, in denen man sich wünscht man hätte gerade woanders hingeschaut. Eines dieser typischen Rollfeld-Wägelchen kam herangebraust (durch die großen Fensterfronten hatte man einen perfekten Ausblick auf das Flughafenvorfeld). Ich erblickte meine Radkiste auf dem Anhänger und freute mich schon! Erleichterung. Zu früh!
Denn dann kam der Gepäckmann ins Spiel. Er griff beherzt zu, einhändig, und mit einem kräftigen Ruck plumste die Kiste von der Ladefläche auf den warmen, aber trotzdem harten Asphalt. Wrumms! Ebenso liebevoll schliff der Mann die Kiste dann hinter sich her, um sie genauso gefühlvoll, wie er sie vom Anhänger gezogen hatte, auf den glatten Fliesen des Flughafens abzulegen. Schwerkraft in Aktion. So viel zum Umgang mit dem Gepäck.

Das wichtigste aber war: Alles war heil und funktionstüchtig. Eine knappe Stunde später hatte ich das Rad wieder aufgebaut, bepackt und war bereit zur Abfahrt. Das Abenteuer konnte endlich beginnen…

Bereit zur Abfahrt