Kleckern und klotzen

Kleckern und klotzen

Die erste Nacht im Zelt war lang und ich wachte erst gegen 8 Uhr auf, was für meine Verhältnisse spät ist. Nach einer knappen Stunde Fahrt kehrte ich für einen Morgenkaffee ein. Ab und zu gibt es Tage an denen man das Gefühl hat man käme nicht vom Fleck. Das war ganz sicher einer davon. Ich fühlte mich gut und das Fahren machte Spaß, aber aus verschiedenen Gründen kam kein richtiger Fluss auf und ich musste immer wieder anhalten. Fotos schießen, Essen kaufen, die Karte lesen, Kleidung ablegen und verstauen und so fort.

Kleine Dörfer mit den landestypisch bunt befliesten Hausfasaden und weißen Kapellen wechselten sich mit Abschnitten von Eukalyptuswäldern ab. Im vergangenen Sommer wurde Portugal von heftigen Waldbränden heimgesucht. Immer wieder durchfuhr ich noch schwelende Brandschauplätze. Auch das erinnerte mich wieder an Australien.

Weiße Dörfer, blauer Himmel, grüne Wälder und Wiesen

Die aufmerksamen Wachhunde beließen es beim Bellen und nahmen nicht, wie sonst häufig, die Verfolgung auf. In der schönen Universitätsstadt Coimbra musste ich in sengender Nachmittagshitze 20 prozentige Rampen bezwingen. Danach galt es im schnell schwindenden Tageslicht Abendessen aufzutreiben und einen Schlafplatz zu finden. Da ich mich noch im Stadtgebiet befand, bangte ich darum rechtzeitig ein ruhiges Plätzchen zu finden. Aber ein kleines Waldstück auf den Hügeln über der Stadt verhalf mir zu der wohlverdienten Nachtruhe.

Nachtlager

Ich stellte mein Zelt auf, während die Sonne einmal mehr ihr phänomenales Farbenspiel in den Abendhimmel projizierte. Aus den umliegenden Tälern drang das Geläute der vielen kleinen Kirchen heran, durchmischt vom weniger melodischen Hundegebell. Erschlagen, glücklich und mit Vorfreude auf den dritten Radfahrtag fiel ich in einen tiefen Schlaf.

Schlafende Dörfer und der vernebelte Mondego

Der nächste Morgen war frisch. Über abermals steile Gassen sauste ich hinab zum Fluss Mondego, der eindrucksvoll von Nebelbänken bedeckt war. Durch das Gewässer war es tatsächlich merklich kühler. Auf den nachfolgenden Anstiegen konnte ich mich aber schneller als mir lieb war wieder aufwärmen.

Dorf, Fluss, Fahrrad

Anfangs rollte es wunderbar über die angenehm zu fahrenden Hügel. Später wartete ein längerer Anstieg auf mich, der typischerweise steil und unrhythmisch daherkam. Für die knapp 600 Höhenmeter benötigte ich eine gute Stunde in der ich nicht ein Auto sah.

Das Cockpit. Bergauf in der sengenden Sonne, umgeben vom Pinienwald

Zum Abend hin wurde ich abermals geprüft. Kaum Einkaufsmöglichkeiten und steile Rampen. Es war eine Kopie des Vorabends. Diesmal war es bereits düster, als ich mich mit einer letzten Anstrengung in Büsche schlug. Und zwar wortwörtlich. Neben meinem Besteck hatte ich auch keine Kopflampe dabei. Die harmlosen Büschlein entpuppten sich als blutrünstige Dornensträucher. Es floss Blut, aber nichts was nicht mit wüsten Beschimpfungen und ein paar Pflastern (zum Glück hatte ich daran gedacht!) gefixt werden konnte. Nicht mehr weit bis Porto.

Fliesen an Bauwerken – Teil 4172. Und immer wieder schön.

Der letzte Radfahrtag bringt immer eine besondere Mischung an Gefühlen mit sich. Da ist zu aller erst die Vorfreude die sich selbst gestellte Herausforderung gemeistert und das Ziel erreicht zu haben. Gleichzeitig verspürt wehmütig, dass ein so schönes Kapitel zu Ende geht und wünscht sich noch ein kleines bisschen länger unterwegs zu sein. Diese Gefühlslagen zeigen mir aber immer wieder auf, was ich an dieser Art des Reisens so sehr liebe. Fremde Orte, die Natur, die Gewissheit, dass auf anstrengende Momente immer wieder schöne Dinge folgen (immer!), die Interaktion mit Einheimischen, die Pausen, die verschiedenen Tagesstimmungen und unzählige andere kleine Dinge, die ich in meinem Alltag sonst nur selten wahrnehme. Ich liebe es wie so eine Reise, und sei sie noch so kurz, im Alltag nachhallt und manchmal sogar erst im Nachgang ihre positive Wirkung entfaltet. In meinen Tagebüchern zu lesen, die Bilder anzuschauen und dann nochmal darüber zu schreiben ist dann beinahe so, als wäre ich nochmal unterwegs. Ich hoffe das du als Leser einen kleinen Teil mitnehmen kannst und sich auch in deinen Tag überträgt.

Kaffee No. 19 (Untertriebene Schätzung)

Umso schöner das am letzten Tag auch nochmal alles mit dabei war: Angefangen beim nicht so schönen nassen Zelt am Morgen (Ich hasse es morgens ein klammes Zelt einzupacken, was bedeutet und ich muss es später nochmal trocknen oder im schlechtesten Fall nass aufbauen, was es unter allen Umständen zu vermeiden gilt. In einem Cafe kam ich einmal mehr mit einigen portugiesischen Männern ins Gespräch. Und während ich vor einem Tante Emma Lädchen dann mein Zelt trocknete zog ich die Blicke und enthusiastischen Nachfragen der Kundschaft auf mich.

Schließlich nahm ich eine Grundreinigung meiner selbst in einem Schwimmbad vor und feierte die Reise, das Land und mich mit einem kühlen, portugiesischem Sagres-Bier, dass übrigens sehr zu empfehlen ist. Eine schattige Parkbank lud zum Mittagsschlaf, aber natürlich kam einer der vielen alten Herren im Park auf mich zu und wollte wissen, was es mit dem Fahrrad auf sich hatte.

Die finalen Meter: Über den Duoro hinein nach Porto

Die letzten Meter nach Porto ging es häufig über Kopfsteinpflaster. So als wolle mir die Stadt wachrütteln und zeigen, dass ich tatsächlich da war. Im herbstlichen Porto.

Die letzte Parkbank der Reise, die erste in Porto

Schließlich nahm ich eine Grundreinigung meiner selbst in einem Schwimmbad vor und feierte die Reise, das Land und mich mit einem kühlen, portugiesischem Sagres-Bier, dass übrigens sehr zu empfehlen ist. Eine schattige Parkbank lud zum Mittagsschlaf, aber natürlich kam einer der vielen alten Herren im Park auf mich zu und wollte wissen, was es mit dem Fahrrad auf sich hatte. Und so versuchte ich abermals in einer Mischung aus Deutsch, Englisch, Portugiesisch und Zeichensprache zu vermitteln, warum ich hier war, in Portugal.

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