Das Australien Europas. Ohne Kängurus. – Teil I

Das Australien Europas. Ohne Kängurus. – Teil I

Herbst in Deutschland, Sommer in Portugal. Super spontan und auf den allerletzten Drücker entschied ich mich für einen Abstecher nach Portugal. Ein mir bislang unbekannter Fleck auf der Landkarte. Diesmal nicht nur zum Radfahren. Wer mich etwas besser kennt weiß aber, dass bei mir so ziemlich jeder Ausflug in Verbindung mit dem Fahrrad steht.
Obwohl die Zeit zum planen knapp bemessen war, kristallisierte sich schnelle eine Idee heraus: Weil ich die Reise mit einer Freundin unternehmen würde, galt es die Logistik auszuklügeln, um eine schöne, aber auch vielfältige Route zu erstellen. Ich wählte Lissabon als Start- und das nördlich gelegene Porto als Zielort. Dort würde ich dann meine Freundin treffen, um dann in umgekehrter Richtung und mit einem Mietwagen Stück für Stück und mit einigen Abstechern entlang des Weges zurück zu fahren.
Start und Ziel waren gewählt, allerdings haderte ich noch mit der Entscheidung, ob ich entlang der Küste oder durch das Landesinnere fahren sollte. Ich entschied mich weitest gehend abseits der touristischen Pfade zu bewegen und entschloss mich für letzteres.

Das gemachte Bett in der Ankunftshalle in Lissabon

Mitten in der Nacht erreichte ich den Lissaboner Flughafen. Die Zeit bis zum Morgengrauen wollte ich schlafend am oder genauer gesagt im Flughafen verbringen. Nachdem ich meine Radkiste entgegen genommen hatte, verkroch ich mich in einer möglichst dunklen Ecke hinter einem Gepäckband.
Wenn man übermüdet einen Schlafplatz wählt, kommt dabei selten Gutes heraus. Zumal Flughäfen allgemein nicht der beste Ort für ein Nickerchen sind. Sobald ich mich auf meine Isomatte gebettet und in meinen Schlafsack gekuschelt hatte, schien meine anfangs für ruhig empfundene Umgebung zum Leben zu erwachen:
Flughafenpersonal schrien vom einen Ende des Flughafens zum anderen, die Putzfrau kam auf den Plan und telefonierte über den Lärm ihres ohnehin lauten Reinigungsgeräts, und schließlich wurde ich von ihrem Kollegen beinahe über den Haufen gefahren. Der war ebenfalls auf einer lärmenden Maschine unterwegs und schenkte seiner durch einen schlafenden Radreisenden behinderten Reinigungsroute gefährlich wenig Aufmerksamkeit.

Alles im Blick: Draußen, Fahrrad, Weltgeschehen

Viel entscheidender als all das war aber, dass mich niemand wegschickte. Von wirklicher Erholung konnte man aber auch nicht sprechen. Irgendwann gewann die Aufregung vor einem neuen Abenteuer die Überhand über die Müdigkeit und ich bewegte mich in Richtung der Eingangshalle. Draußen war es noch immer stockfinster. Zeit zum frühstücken und Leute gucken. Zwischendurch spähte ich immer wieder durch die verglaste Außenwand, in der Hoffnung Anzeichen der Dämmerung zu sehen.

Fahrer und Fahrrad bereit für das Abenteuer

Irgendwann hatte ich keine Lust mehr zu warten und machte mich auf den Weg. Immerhin hatte ich ja ein Rücklicht und das gelb-orangene Licht der Straßenlaternen reichten aus, um durch die noch ruhigen Industrie- und Gewerbegebietsstraßen zu navigieren.

Morgenrot über Lissabon

Auf einer Anhöhe eröffnete sich mir der Blick in die Ferne und ich durfte die weichen Farbtöne des bevorstehenden Sonnenaufgangs bewundern. Das Gefühl mit dem Fahrrad in den Sonnenaufgang zu fahren ist immer wieder unbeschreiblich schön.

Kirche in der Morgendämmerung

Während ich durch die leeren Straßen der Lissaboner Vororte fuhr, versammelte sich die arbeitende Bevölkerung an den Bushaltestellen und umklammerte dabei den wärmenden Morgenkaffee. Die Luft war frisch und kühl und ich wünschte mir auch einen wärmenden Kaffee. Aber hauptsächlich zum wärmen meiner Hände, denn ich hatte keine Handschuhe mitgebracht.

In dem Moment als mich die ersten direkten Sonnenstrahlen erreichten, war jeder Gedanke an Handschuhe vergessen. In diesen Breitengraden herrschte noch spürbar der Spätsommer.

Herbstliche Weinreben

Die Abstände zwischen den Ortschaften wurden größer. Dazwischen lag eine wortwörtlich bunte Mischung aus Weingütern, Pinien- und Eukalyptuswäldern. Es war ein Fest für die Sinne: Die Weinreben erstrahlten im goldenen Morgenlicht in den allerschönsten Herbstfarben und Pinien und Eukalyptus versprühten ihren würzig-frischen Duft, während die Blätter im Wind raschelten. Der Duft und der Anblick der Eukalyptusbäume erinnerte mich umgehend an meine zahlreichen Touren in Australien.

Erst stürzen, dann pausieren

Eine malerisch gelegene Parkbank markierte meinen ersten Pausenstopp. Der war auch hart verdient: Nur wenige Meter vorher machte ich einmal mehr Bekanntschaft mit dem Asphalt. Auf einer steilen Rampe sprang meine Kette runter, ich kam nicht aus den Klickpedalen und fiel stehend um. Es war nicht das erste und wahrscheinlich auch nicht das letzte mal. Leider ändert das auch nichts an dem schrecklich dämlichen Gefühl, wenn man realisiert, dass man gleich zur Seite kippt. Zwar läuft das innerhalb weniger Sekunden ab, gefühlt vergeht aber eine Ewigkeit bis man irgendwann unangenehm den Boden berührt. Das wichtigste ist immer: Nichts passiert, Fahrer und Fahrrad sind mit einem Kratzer davongekommen und keiner hat´s gesehen!

Weiße Dörfer, blauer Himmel, grüne Wälder und Wiesen

In Obidos wagte ich einen Abstecher in die von Menschen überfüllten, aber wunderschönen, schmalen Gassen. Am Fuße der Festungsmauern und abseits des Touristentrubels suchte ich ein unscheinbares Café auf. Als einziger Ausländer und obendrein in meiner Radfahrmontur, zog ich die Blicke aller Anwesenden auf mich.
Nach ein paar gestammelten Worten portugiesisch und wildem gestikulieren, bekam ich ein Käse-Schinken-Brot, ein Reisküchlein, ein kühles, alkoholfreies Bier und den obligatorischen Kaffee serviert. Café in Portugal ist äquivalent mit dem Caffé in Italien: Also Espresso.

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Es war Nachmittag und die Sonne ballerte nur so vom Himmel. Zunehmend steile Anstiege brachten mich noch mehr ins Schwitzen. In einem Einkaufszentrum nahm ich einen weiteren Kaffee ein und kaufte mein Abendessen ein. Gegen fünf Uhr war ich hundemüde aber umso glücklicher von diesem ersten Radfahrtag in einem unbekannten Land. Ich verspeiste mein vom Appetit zusammengewürfeltes Abendessen und beobachtete die zunehmende Mondsichel, während sich der Horizont langsam vom Roten ins Blaue verfärbte.