Big on Big Island

Big on Big Island

Obwohl ich mich bereits seit Mittwoch vergangener Woche auf der größten, dennoch jüngsten, der hawaiianischen Inseln befinde, habe ich noch nicht wirklich viel Strecke gemacht. Und das ist auch gut so!
Schließlich habe ich mir vorgenommen wirklich ALLES mitzunehmen, was mich interessiert. Nachdem ich also am Flughafen von Kona angekommen war, von zahlreichen Ironmanathleten auf ihren Hightechbikes angegafft und überholt wurde und letztendlich meinen Weg zu dem wundervollen, älteren Warmshowers-Paar Roberta und George gefunden hatte, entdeckte ich erstmal die nähere Umgebung und sog den Ironman-Zirkus vollends auf.
Nach drei unvergesslichen Tagen in und um Kona stieg ich schweren Herzens aufs Rad. Allerdings war es nur ein sehr kurzer Trip. Via Highway 19 ging es zurück Richtung Flughafen. In die Nähe des Natural Energy Lab. Wer den Ironman verfolgt weiß, dass sich hier während des Marathons die Spreu vom Weizen trennt. Das Energy Lab selbst wurde 2007 zu den 10 umweltfreundlichsten („greenest“) Gebäuden in den Vereinigten Staaten gewählt, da es mit riesigen Solarzellen bedacht all seine benötigte Energie selbst erzeugt.
Wenn die Athleten nur wenige Meter von der einsamen Industriestraße abbiegen würden, fänden sie sich an einem einsamen Strand wieder, dessen weißer Sand so schön mit dem schwarzen, schroffen Lavagestein kontrastiert.
Die einheimischen nennen es “Pine Trees”, obwohl nicht viel mit Nadelbäumen ist. Der Legende nach erspähten ein paar Surfer diesen Strandabschnitt und hielten dort wachsende Mangroven für Tannenbäume. Sicherlich hatten die Jungs zu viel „Pakalolo“ (Hawaiianisch für: Marihuana) inhaliert.
Für erfahrene Surfer finden sich hier einige gute Breaks. Die weniger Erfahrenen machen früher oder später Bekanntschaft mit dem scharfkantigen Lavagestein – oder den Seeigeln die unter Wasser darauf nisten. Ungenuss.
Ich belasse es also bei entspannen, lesen, schlafen, essen, sonnen und etwas jonglieren. Das Leben kann so einfach sein. Oder wie mein Chef im Yukon zu sagen pflegte: „Life is good, huh?!“
Gleiches dachte sich bestimmt auch Sebastian Kienle und Freundin, die ich ebenfalls dort antraf. Allerdings wollte ich am Tag nach dem Rennen nicht den dummen Fan spielen und beließ die Begegnung bei einem einfachen Aloha.
Trotz des nahegelegenen Flughafens, ist es bis auf den Wind und das Rauschen der Wellen angenehm ruhig. Am dritten Tag brach ich mein Lager ab und radelte weiter auf dem Highway 19 nach Norden. Zum nächsten Strand. Durch die weiten Lavafelder schlängelt sich, leicht ansteigend, der leider vielbefahrene Highway 19. Stets in Sichtweite der Küste entlang. Der Straßenbelag und der riesige Seitenstreifen ist der Traum jeden Radfahreres. Weniger hingegen die brutale Mittagshitze in den schier unendlichen Lavafeldern.
Nicht allzuweit von Pine Trees liegt der Kekaha State Park, an dem sich vier Traumstrände befinden, jedoch kein Trinkwasser, wie ich leider herausfinden musste. So erkundete ich die Strände, beobachtete die Schildkröten im seichten Wasser und sprang ab und an selbst ins türkisblaue Meer.
Ohne Trinkwasser war das jedoch kein idealer Ort zum campen, sodass ich am Nachmittag einfach zurück zum Pine Tree-Strand fuhr und dort für zwei weitere Nächte mein Lager aufschlug. (Reiseführer raten übrigens zu einem Allradantrieb, um die Schotter und Lava-Straße zu überwinden. Allerdings sehe ich keinen Grund dies nicht mit einem Zweiradantrieb zu tun. Zumal ich genügend gesehen habe.)
Nach soviel Entspannung war ich langsam so weit, um eine längere Etappe in Angriff zu nehmen. Immerhin habe ich erst eine Radreise-würdige Distanz mit Gepäck hinter mich gebracht. Und das war vor etwa zwei (?) Wochen auf Oahu.
So organisierte ich mir einen weiteren Warmshower-Aufenthalt in Kapa’au. Bei Yvonne und Jack, die erst kürzlich in Rente gegangen sind und von Minnesota nach Hawaii umgezogen sind. Nicht der schlechteste Ort, um seine Freizeit zu verbringen. Vor allem, wenn man einen Garten voller Bananen-, Ananas-, Avocado-, Lilikoi- (eine Art Maracuja) und Papayabäumen hat.
Neben den Stränden im Kekaha State Park, gibt es natürlich noch zahlreiche andere entlang des Weges und während ich so dahinradelte, machte ich hier und da auch einen kurzen Halt. Zugegebenermaßen muss man aber auch nicht jeden Strand gesehen haben – Vor allem nicht alle an einem Tag. Nach dem dritten Strandausflug wurde es angesichts der stetig steigenden Temperatur auch langsam anstrengend den steilen Berg zurück zum Highway hochzustrampeln.
Wer überlegt auf Big Island wild zu campen, muss meiner Meinung nach keine Bedenken haben, solange man genügend Wasser hat und einen Platz findet, an dem einen keiner entdeckt – Kein Problem! Wer sicher gehen will, oder mit dem Auto unterwegs ist, sollte den Spencer Beach Park ansteuern. Wunderbar gelegen und mit Küche, Duschen, Toiletten und Trinkwasser, macht es einen idealen Ort zum Übernachten.
Eine gute Adresse, um eine Übersicht über die verschiedenen Parks der hawaiianischen Inseln und den jeweiligen Gegebenheiten zu bekommen ist hier. Dort finden sich unter anderem auch Infos zu Wanderwegen und historischen Plätzen. (English only!)
Meine Route an diesem Tag ist exakt der Kurs, den auch die Ironmänner und –frauen zurücklegen müssen. Es sind rollende Hügel, aber es geht stetig bergan. Bald kommt der majestätische Mauna Kea in Sicht, der gemessen von seinem Ursprung, der höchste Berg der Welt ist. Über Wasser erhebt sich der schlummernde Vulkan über 4200 Meter in Höhe. Während ich mich die relativ seichten Anstiege hochkämpfe, habe ich im Hinterkopf mein Ziel auf den Gipfel zu radeln – Mal sehen, wie, wann und ob sich das noch verwirklichen lässt.
Vom Queen Ka’ahumanu Highway (19) geht es weiter auf dem Akoni Pule Highway (270). Während ich langsam Höhenmeter für Höhenmeter erklimme (und danach wieder bergab rolle), wandelt sich die Landschaft von Lavawüste zu weiten, ausgetrockneten Graslandschaften. Es ist heiß und ausnahmsweise bin ich froh über den zumindest leicht kühlenden Gegenwind.
Am Ende der Schotterstraßen zu meiner Linken, finden sich sicherlich einsame Buchten und Strände. Aber daran ist mit meinem Rad und zu diesem Zeitpunkt nicht zu denken. Zumindest nicht, wenn einen zwei so herzliche Gastgeber erwarten.
(Wie gut muss es sich anfühlen beim Ironman diese Straße wieder runterzubrettern, denke ich mir.)
Am Nachmittag quälen sich zwei andere Radfahrer an mir vorbei. Allerdings mit Rennrad und insgesamt 30 Kilogramm weniger Ladung. Ich schlage mich also ganz gut und mein Plan den Mauna Kea zu erklimmen, rückt wieder ein kleines Stück näher.
Mein erster Halt in Hawi ist, natürlich, ein Eiscafé! Wie mir Yvonne später erzählen sollte, liegt dies exakt am Wendepunkt der Ironman-Radstrecke. Ich gönne mir ein Eis in der Kohala Coffee Mill: Kokosnuss-Sahne und Macadamia-Nuss. Ganz großes Gaumenkino. Ein hervorragendes Ziel am Ende des langen Anstiegs.
Doch damit war der kulinarische Teil des Tages noch lange nicht vollendet. Meine Gastgeber umsorgten mich vom Feinsten: Guacamole mit Avocados aus dem eigenen Garten. Dazu ein kühles Bierchen und Nachos als kleine Vorspeise. Später gab es dann noch selbstgemachte Pizza. Spinat-Feta-Zwiebel und Pepperoni-Paprika mit Mozzarella und Parmesan. Das perfekte Essen nach einem langen Tag.
Heute Morgen hatte ich zwar nicht wirklich Hunger (ich habe die Pizzen beinahe alleine verspeist), aber bitte wer kann beim Anblick frisch aufgeschnittener Ananas (aus dem Garten), selbstgebackenem portugiesischem Süßbrot mit (klar, selbstgemacht) Lilikoi-Frischkäse (Garten) oder wahlweise selbstgemachter Lilikoi-Marmelade und Bacon (traurig, aber wahr: NICHT selbstgemacht) widerstehen!?
Gut gestärkt schwang ich mich auf mein zweirädriges Gefährt und erkundete den eindrucksvollen Keokea Beach Park. Zwar kein Sandstrand, aber dafür eingerahmt zwischen roten Felsklippen und grünen Wäldern. Ein guter Ort um sich vor dem steilen Anstieg auf dem Rückweg auszuruhen und etwas zu lesen.
Von japanischen Touristen angefeuert kletterte ich den steilen Hügel zurück zum Akoni Pule Highway, der sich einige Kilometer weiter zum Pololu Valley schlängelt. Bergab. Am Ende der Straße angelangt eröffnet sich eine sagenhafte Aussicht auf steile Regenwaldklippen und einen schwarzen Sandstrand.
Hier lohnt es sich die kleine Wanderung auf sich zu nehmen und zwanzig Minuten bergab zu wandern. Der Aufstieg in der Hitze dauert etwas länger, aber der Ausblick und der von Nadelwald umgebene Strand ist jede Mühe wert.
Da ich wusste, dass ich auf dem Rückweg knappe 10 Kilometer bergauf radeln musste, überlegte auch ich zweimal, ob ich die Wanderung unternehmen sollte. Daher jetzt meine Aufforderung an dich, heute eine Sache zu erledigen oder zu machen, auf die du eigentlich nicht wirklich Lust hast. Was auch immer es sein mag: Tu es! Und genieße das belohnende Gefühl, es hinter dich gebracht zu haben. Beschwingt von diesem schönen Ort, fiel mir der Aufstieg zurück leichter als gedacht.