Alte(s) Bekannte(s)

Alte(s) Bekannte(s)

Meine Ankunft in Melbourne verlief reibungslos. Mit der einzigen Herausforderung mein Fahrrad zu montieren und knapp 90 Kilometer zu einer weiteren, sehr prägenden, Warmshower Gelegenheit zurückzulegen. Einzig die Halterung für meine Lenkertasche bereitete Schwierigkeiten. Während mir die zunehmend schwüle Luft an diesem Vormittag in Melbourne langsam zu schaffen machte, kämpfte ich mit der Drahtseilverschlingung um den Lenker. Das allein dauerte länger, als das gesamte Rad zusammenzusetzen. So sehr ich die Qualität von Ortlieb schätze, aber bei diesem Produkt wurde der Radtransport via Flugzeug und der damit verbundene Akt der Demontage nicht berücksichtigt.
Mittagszeit. Und ich hatte noch eine gute Distanz vor mir. Nach den vergangenen Ruhetagen fühlte ich mich dennoch in der Lage vor Sonnenuntergang bei meinen Gastgebern einzutrudeln. Das Fahren an sich sollte sich als die einfachste Herausforderung erweisen. Zum Glück. Das Navigieren kostete mich weitaus mehr Energie und Zeit. Vom Flughafen bis in die östlich gelegene Ortschaft Berwick würde ich von dem hervorragenden Fahrradwegnetzwerk im Großraum Melbourne profitieren. Der Trick war auf dem rechten Pfad zu bleiben.
Mein Weg führte mich zum Ufer des Yarra in Melbourne. Dort fand ausgerechnet ein Food Festival statt. Das bedeutete nicht nur das Fahrrad zu schieben, sondern vor allem all den köstlichen Gerüchen unzähliger Köstlichkeiten zu widerstehen. Immerhin bekam ich einen frischen, knackig kühlen Apfel geschenkt.
Ich wusste, dass meine Gastgeber Wilma und Garry nicht anwesend sein würden wenn ich eintrudelte. Aber in mittlerweile gewohnter Warmshowers Manier erhielt ich Instruktionen wie ich ins Haus kommen und es mir gemütlich machen könnte. Nach dem langen Tag schaffte ich es nicht mehr so lange aufzubleiben bis meine Gastgeber zurückkehrten. Es fühlte sich etwas merkwürdig an mit dem Gedanken ins Bett zu gehen, dass ich mich erst halb verschlafen am nächsten Morgen persönlich vorstellen würde. Also schrieb ich noch eine kurze Dankesnotiz bevor ich erschlagen ins Bett fiel. So einen guten, erholsamen Schlaf hatte ich schon lange nicht mehr. Über Maßen erholt traf ich die ursprünglichen Niederländer, die mit Ihren Familien ausgewandert waren.
Prompt wurde ich eingeladen noch eine Nacht zu bleiben. Und ohne lange überlegen zu müssen willigte ich ein. Schließlich wollte ich die beiden kennenlernen, die mir so viel Vertrauen schenkten und mir Herberge boten. Ich genoss es in der morgendlich warmen, viktorianischen Spätsommerwärme Garrys frisch gemahlenen Kaffee zu schlürfen und Reisegeschichten auszutauschen. Im Anschluss an das ausgedehnte Frühstück ging es wieder zurück nach Melbourne!
Mit dem Auto ist die Tour nur einen Katzensprung entfernt. Wir besuchten Vinnie und Alison, Freunde, die zum Mittagessen eingeladen hatten. Aus dem Mittagessen wurde ein ausgedehntes Mahl mit nahtlosem Übergang zum Abendessen. Es war toll so viele neue Menschen kennenzulernen und alle waren brennend an meinen Abenteuern interessiert. Das interessanteste für mich, neben dem ganzen Essen, war allerdings die Geschichte von Vinnie und wie er von Italien nach Australien gekommen ist.
[Der Vater arbeitete bereits in Australien. Die Mutter war mit den Kindern in Italien und wartete nur noch darauf, dass ihre Papiere von den Behörden abgesegnet werden. Es war eine sichere Sache. Bis der Visaantrag auf ungeklärte Weise verloren ging und eine Auswanderung nach Australien unmöglich wurde. Der Vater kehrte nach Italien zurück und suchte dort wieder Arbeit. Vorbei das Ziel auszuwandern. Auf einer Reise kamen die beiden an einer australischen Botschaft vorbei und beschlossen kurzerhand Hallo zu sagen. Sie trafen auf einen Botschafter, der sie auf einen Kaffee einlud und Interesse an Ihrer Geschichte fand. Er versprach sich den Fall nochmal anzusehen. Nach acht Monaten meldete sich der Botschafter wider Erwarten mit der Nachricht, dass die Familie einen Platz auf dem letzten Auswanderer-Schiff von Italien nach Australien bekommen würde. Inklusive Sprachschule und diversen Programmen, um den Start in Australien zu ermöglichen. Manchmal muss man einfach die richtigen Leute im richtigen Moment treffen.]
Zurück in Berwick tranken wir noch ein gemütliches Gläschen Wein, bevor ich am nächsten Morgen wieder aufbrechen würde. Wilma gab mir noch eine Ladung selbstgemachte, dehydrierte Bolognese mit. Ein Gaumenschmaus, den ich mir für einen extra harten Tag aufsparte.
Da ich unbedingt einen Kumpel aus Abu Dhabi in Sydney treffen wollte, der dort auf der Reise nach Neuseeland einen Zwischenstopp einlegen würde, machte ich ein paar Kompromisse in der unmittelbaren Route östlich von Melbourne. So wählte ich den direktesten Weg Richtung Bairnsdale, von wo aus ich wieder auf ruhigen Schotterstraßen durch die Wildnis der Snowy Mountains radeln würde.
Nach sechzig Kilometern auf recht verkehrsreichen Straßen knallte es und ich stand still. Leider nicht der Knall eines geplatzten Reifens, sondern das unschöne Geräusch von Aluminium und einer über Zahnräder krachenden Kette. Mein hinterer Umwerfer war hinüber und nahm auf den Weg ins Verderben noch eine Speiche mit. Katastrophe. Es sah außerdem so aus, als ob der Aufhänger der Hinterradachse, also ein Teil des Stahlrahmens, verbogen war. Nicht gut. Überhaupt nicht gut. Schlimmster mechanischer Zwischenfall auf Reisen bisher. Zumindest was die Schwere des Schadens anbelangt. Vergleichbar war höchstens das Reißen eines Schaltkabels auf Big Island auf Hawaii.
Nach einem kurzen Moment des Durchdrehens fing ich meine Nerven wieder ein und spielte meine Optionen durch: Ich könnte ein Auto anhalten und mich zum nächsten Radladen bringen lassen. Ich könnte Warmshower Gastgeber in der Umgebung suchen, mein Problem erklären und hoffen, dass ich solange bleiben kann bis das Rad repariert ist. Insofern das Rad denn überhaupt zu retten war…Ich befürchtete das Schlimmste.
Die dritte Option war Wilma und Garry anzurufen und um Hilfe zu bitten. Was ich schließlich tat. Immerhin kannten mich die beiden bereits und ich wusste, dass sie kein Problem damit haben würden mich noch ein paar Tage länger im Haus zu haben.
Wilma sammelte mich auf und wir fuhren zum Radladen in Berwick. Es schien kein hoffnungsloser Fall zu sein, aber sicher wollte es mir der Mechaniker noch nicht sagen. Drei Tage Wartezeit. Damit war der ohnehin knappe Plan meinen Kumpel in Sydney zu treffen endgültig hinüber. Aber in diesem Moment hoffte ich einzig und allein, dass nicht der gesamte Trip vorbei war.
Es war abartig heiß in Berwick und ich war ein bisschen froh nicht auf dem Rad zu sein. Naja, gegeben den Umständen war ich überhaupt nicht gut aufgelegt. Am zweiten Tag des Wartens rief ich den Radladen an. Schließlich wollte ich wissen was Sache ist. Und dann die plötzliche Antwort: Du kannst es sofort abholen. Alles gefixt! Ich war überglücklich. Wir holten das Rad und ich machte mich für den nächsten Tag abfahrbereit.
Auf ein Neues. Ich bedankte mich mit einem Schoko Osterhasen. Wilma ließ es sich nicht nehmen und hinterließ ein Schoko Bilby auf dem Frühstückstisch am nächsten Morgen. Bilbys sind stark vom Aussterben bedroht (vor allem die Schoko Bilbys in meinen Radtaschen). Die Oster-Bilbys sind das Ergebnis das Osterfest australischer zu machen. Vielleicht brauchen wir Schoko-Bratwürste oder Schoko-VW-Busse in Deutschland? Zum Äußeren, naja, man kann sich eine Kreuzung aus Känguru und Ratte in Hasengröße vorstellen. Also passen sie tatsächlich in das Osterthema.
Da ich absolut keine Ambitionen hatte dieselbe Strecke nochmal zu fahren, vor allem nach all dem was war, fuhr ich in den nächsten Ort mit Zuganbindung – Pakenham. Kein Zug an diesem Tag. Aber zum Glück gab es einen kostenlosen Ersatzservice per Bus. Ich fuhr bis Warragul, die Ortschaft unmittelbar nach Drouin. Irgendwie hören sich diese ganzen Ortsnamen an, als seien sie direkt aus dem Herr der Ringe. Naja. Auf jeden Fall ging es dann wieder los. Während der Busfahrt regnete es. Der Himmel grau. Da fallen mir immer tausend andere Dinge ein, die man machen könnte anstatt Rad zu fahren. Wasser ist nun mal nicht mein Element, schon gar nicht von oben. Genug gejammert. Tatsächlich war ich einfach froh wieder ein funktionierendes Fahrrad unter meinem Hintern zu haben.
Von dort ging es auf einer anderen Route, jetzt frei von Zeitdruck, durch ruhige Wälder mit mächtigen Bäumen und unzähligen Papageien, die meine Ankunft mit lautem Gezwitscher kommentierten. In Mariboo North nahm ich den Railtrail. Eine stillgelegte Bahnstrecke durch den Wald. Autofrei versteht sich. Dauerregen setzte ein und der sandige Radweg in Verbindung mit den Unmengen an Wasser erschwerte das Fahren. Es war schon spät und so beschloss ich auf halben Weg an einer Picknick Hütte zu campieren. So konnte ich mein Zelt halbwegs trocken aufstellen, bevor es so richtig hart zu gießen anfing. Das ideale Wetter um ein Schoko-Bilby zu vernaschen.
Es regnete durch die Nacht und der sandige Schotter ließ mein schweres Rad teilweise versinken. Ich sah unzählige Grau-Kängurus. Einer der angenehmen Vorteile auf dem Rad und früh am Morgen unterwegs zu sein. Die grauen Hüpfer sind riesig im Vergleich zu den zierlichen Pademelons und Wallabies, die ich zu Hauf in Tasmanien antraf.
Der Tag war heiß und schwül und ich radelte auf einem anderen Railtrail, der ebenfalls vom Regen getränkt war. Rund um das Tal in dem ich mich befand, konnte ich über den Lauf des Tages beobachten, wie sich massive Wolkenberge auftürmten. Erst als ich am Abend mein Nachtlager aufschlug, abermals neben dem Radweg, fing es an zu regnen.
Der nächste Morgen bot eine eigenartige Stimmung. Es war sehr warm und schwül, aber die in grauen Nebel gehüllte Farmlandschaft war eine perfekte Kopie eines ungemütlichen, traurigen Herbsttages. Kühe weideten, während vereinzelt Blätter von den Bäumen wehten. Allerdings aufgrund der Trockenheit und nicht, weil es hier jetzt Herbst ist. Vom tristen, aber angenehm ruhigen Landradweg, ging es auf ein 50 Kilometer langes Stück verkehrsreicher Straße. Ich verdammte jeden Augenblick. So viele Autos und so laut. Erschöpft von dem Lärm und nicht von der körperlichen Anstrengung, war ich froh in Bairnsdale einzutrudeln.
Endlich ein ALDI. Das fühlte sich ein bisschen wie zuhause an. Nicht zuletzt, weil die Produktpalette ähnlich ist. Da es die kommenden Tage in die abgelegene Wildnis der Snowy Mountains gehen würde, packte ich entsprechend viel Vorräte ein und gönnte mir eine fette Bratwurst an einem dem Lions Club Grills, die am Wochenende in beinahe jedem Ort zu finden sind. Dann ging es auf den nächsten Railtrail.
Vor allem aufgrund der vorrangegangenen Plackerei auf der verkehrsreichen Straße war es ein Traum auf dem Fahrradweg zu sein. Ein gutes Stück war sogar asphaltiert. Etwas außerhalb von Bruthen war es Zeit Halt zu machen und ich schlug mein Lager mitten im dichten Wald, neben dem Radweg auf. Und wieder begann es zu regnen, just als ich mein Zelt aufgebaut hatte. Perfektes Timing. Wie bereits die vergangenen Tage musste ich mich dafür am Morgen auf tief durchnässtem Sand herumquälen.
Ein paar Kilometer später verließ ich den Radweg vorzeitig, um auf meine Route in die Berge zu gelangen. Ich musste einen Feuerwehrweg, ein sogenannten Firetrail, nehmen. Das sind einfache Waldwege, um bei Buschfeuern mit kleinen Löschautos schneller vor Ort zu sein, beziehungsweise um auf Buschfeuer zu Kontrollieren. Geländewagen sind dem Touringrad in jedem Fall vorzuziehen, aber es waren nur wenige Kilometer bis ich wieder eine Straße unter den Rädern hatte. Zuvor musste ich aber erst zahlreiche Sandhügel erklimmen, was in Teilen dann tatsächlich Schieben erforderte.
Es ging durch dichten Wald und ich erklomm einige Höhemeter während es gelegentlich nieselte. Kann man nichts sagen, wenn man durch den Regenwald fährt. Die gewonnene Höhe wurde durch eine lange Talabfahrt nach Buchan schnell zunichte gemacht. Ich musste meine Wasserreserven bis zum Anschlag auffüllen. Bis ins 170 Kilometer entfernte Jindabyne würde es keine Gelegenheit geben. Die 5,5 Liter Wasser machten es jedenfalls nicht leichter die Berge hochzufahren. Und bis zum besagten Wasserloch waren noch 3500 Meter bergan zu überwinden. Ich finde das härteste an Bergen sind die ersten Meter bis sich die Muskulatur und vor allem der Kopf auf die Belastung eingestellt haben. Wenn man dann mal seinen Rhythmus hat, muss man die Maschine einfach laufen lassen. Läuft.
Das erste Stück aus dem Flusstal um Buchan heraus war offenes Farmland und bot keinen Schutz vor der sengenden Mittagssonne. Das erschwerte den Einstieg in die Kletterei zusätzlich. Nach ein, zwei Stunden war ich aber schon im Schutz des schattigen Waldes. Kein Auto weit und breit. Der Berg, das Rad, der Wald und ich. Und eine Schlange, die es sich auf halbem Weg über die Straße nochmal anders überlegte und zurück in den Wald schlängelte, als der verschwitzte Radfahrer herangekrochen kam. Schon eigenartig, wie sich diese Tiere so elegant und absolut lautlos fortbewegen. Ganz im Gegensatz zu mir in jenem Moment.
Nach dem heißen Tag und nicht wirklich vielen Metern in Richtung Jindabyne, wusste ich, dass das Wasser wohl nicht die gesamte Strecke bis Jindabyne reichen würde. Aber ich passierte hier und da ein paar Farmen und kümmerte mich zunächst nicht weiter um diesen Part des Abenteuers. Diese Probleme lösen sich meist dann von selbst, wenn man sich gerade keine Gedanken darüber macht.
Und so kam es, dass ich am nächsten Tag, nach einer unglaublich schönen Abfahrt auf einer Schotterpiste durch den Kosciuszko Nationalpark (die Aussies sagen zu dem unaussprechlich erscheinenden Buchstabengewirr polnischen Ursprungs übrigens Kossi-ossko) auf eine Auto Rallye traf. Im verlassenen Bergbau Ort mit dem wohlklingenden Namen Suggan Buggan stoppte ich für eine Verschnaufpause vor dem langen, langen, langen Anstieg aus dem Flusstal heraus. Zu diesem Punkt wusste ich natürlich nicht wie lange es aufwärts gehen würde. Meistens ist es besser so.
Die Auto Karawane stockte meine Wasserreserven auf und warnte mich vor den steilen Anstiegen. Blabla. Jaja. Und Tschüss. Auf den in der Tat schweißtreibenden Anstieg aus dem Flusstal heraus, folgte eine Abfahrt zum Snowy River, welchem ich für eine Weile flussaufwärts auf überwiegend angenehm ansteigender Straße folgte. Herrliche Aussichten wohin ich blickte. Keine Autos.
Die Straße machte einen Schwenk weg vom Fluss. Dieser markierte den Beginn des langen Anstiegs. Es war heiß und ich begrüßte jeden Baum der einen Schatten auf die sandige Piste warf. Kehre folgte auf Kehre und kein Ende in Sicht. Plötzlich ein paar Autos aus dem Nichts aus entgegenkommender Richtung. Gefolgt von einer Schulklasse die auf ihren Mountainbikes gemütlich den Berg hinunterrollten. Danach waren es wieder die Straße nach oben und ich. Und noch ein gutes Stück übrig vom Berg. Ich feierte und verdammte die Kletterei an diesem Punkt. Eine Hassliebe. Quäl dich. Und dann mit Verlassen den Nationalparks flachte es ab und Abwärtspassagen überwogen die knackigen Gegenanstiege. Hunger. Am Straßenrand unter einem einsamen Baum und plötzlich wieder umgeben von Farmland, Kühen und Pferden füllte ich den leeren Tank.
Auf einem Quad, das Vehikel der Wahl australischer Farmer, begrüßte mich Milton. Nach eigener Aussage den einzigen, den es in Australien gibt. Ich werde dies auf dem Rest meiner Reise überprüfen. Bislang kreuzte noch kein anderer Milton meinen Weg. Wir quatschten eine Weile und es war so ein Kontrast mit ihm über meine Reisen zu reden. Er hat sein gesamtes Leben auf der Farm verbracht und kennt eigentlich nur die nähere Umgebung, während ich bereits gute 12000 Kilometer allein in Australien Fahrrad gefahren bin.
Ein paar Kilometer weiter machte ich Camp. Immer noch recht hoch in den Bergen kühlte es über Nacht gehörig ab und am kommenden Morgen wurde ich von unangenehm kalten Regenschauern heimgesucht. Es waren etwas über 30 Kilometer bis in den nächsten Ort Jindabyne. Im Winter die Basis für jegliche Schneeaktivitäten in den umliegenden Bergen. Ja, es schneit in Australien! Und an diesem Tag fühlten sich die 16 Grad und Regen beinahe wie ein Eisregen an. Vor allem wenn man mit 60 Sachen bergab düst. Immerhin dauerte es so nicht lange bis ich dem Regen entkommen konnte. Meine kalten Glieder wärmte ich umgehend mit einer heißen Schokolade auf. Der Regen ebbte ab und ich verließ den Wolkenverhangenen Ort entlang eines spiegelglatten daliegenden Sees.
In östlicher Richtung näherte ich mich auf tendenziell abfallenden Terrain der Küste. Ein Mix aus Farmland, Nadelwäldern und Regenwald wechselten sich ab. Ich fand ein herrlich ruhiges Camp in einem ruhigen Nadelwald und freute mich den nächsten Tag eine Warmshower Gelegenheit im Küstenort Kiama zu haben. Es war abermals Regen angekündigt und auf dem Plateau war es sehr kühl an diesem Tag. Genau das richtige Wetter für einen preisgekrönten Pie in Robertson.
Von dort rollte ich fast den kompletten Weg über sehr steiles Gefälle gen Küste. Dichter Regenwald und mit jedem Höhenmeter den ich talwärts zurücklegte stieg die Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Es roch nach Regen, noch lange bevor die Wolken zu sehen waren.
In Kiama begrüßte mich Tony. Ich fühlte mich einmal mehr sofort zuhause und genoss ein fürstliches Mahl aus langsam gegarten Lamm und dem ein oder anderen Gläschen Wein. Es war faszinierend Tonys Militärgeschichten zu hören und mit ihm über mögliche Abenteuer auf Australiens Outback Tracks zu fantasieren. Ich bekam hilfreichen Input für meine doch sehr offene Routenplanung und fühlte mich erfrischt und erholt für die Fahrt in Richtung Sydney. Es war nicht mehr weit und da es in besiedelteres Gebiet ging, hatte ich bequemerweise weitere Warmshowers Gastgeber im größeren Stadtgebiet kontaktiert. Wahrer Luxus nach dem harten Ritt über die Berge.
Als ich am nächsten Morgen die Küche betrat war Tony bereits am Herd geschäftig und kredenzte ein Frühstück für Champions. Porridge, Eier, Speck und nochmal zwei Ei und Speck Wraps für unterwegs. Das würde mich locker nach Sydney bringen. Und ich schien es nötig zu haben.
Auf Radwegen und entlang unzähligen Stränden flog ich Richtung Sydney. Ich traf viele Radler und innerhalb von zwei Minuten kamen zwei Radfahrer an mir vorbei die sich eine Weile mit mir unterhielten und mich auf einen Kaffee einladen wollten. Angesichts der langen Tagesetappe musste ich schweren Herzens absagen, was im Nachhinein die richtige Entscheidung war. Mit Sonnenuntergang traf ich bei meinen Gastgebern ein.
Zuvor gab es landschaftlich aber so einiges zu bieten. Neben den Stränden und Klippen war da die eindrucksvolle Seacliff Bridge und als krönender Abschluss die Fahrt durch den Royal Nationalpark an dessen Ende ich eine kleine Fähre nach Cronulla bestieg. Von dort waren es nochmal fünf Kilometer zu Adam und Rina, meine herzlichen Gastgeber. Die beiden sind in meinem Alter und es war sehr angenehm mit gleichaltrigen Leuten abzuhängen die dieselben Interessen haben. Ich freue mich schon jetzt auf meinen nächsten Besuch in Sydney. Es war sicherlich nicht das letzte Mal. Adam kochte einen gigantischen Pott Curry, der sich selbst für meinen Appetit als zu große Aufgabe erwies.
Am nächsten Morgen war es soweit. Sydney. Mal wieder. Und endlich mal mit dem Rad in die Stadt hineinfahren. Mein nächster Warmshowers Gastgeber Jeff holte mich am nächsten Morgen ab, um mit mir den bequemen Radweg in die Stadt zu radeln. Luxusradreisen an diesem Punkt, das gebe ich zu.
Entlang Stränden, am Flughafen vorbei und schließlich in die beschaulichen Stadtbezirke Sydneys hinein lernte ich meinen Gastgeber näher kennen und bekam gleichzeitig eine kleine Stadtführung. Wir kamen uns an einem Punkt etwas zu nah, als ich vom Betrachten eines über uns anfliegenden Flugzeugs abgelenkt war und einen kleinen Unfall verursachte. Es litt glücklicherweise nur meine Packtasche die Jeffs Rad streifte. Alles heile.
Jeff lebt in einer drei Personen WG im mir bereits bekannten Stadtteil Surry Hills. Ein Kumpel aus Neuseeland wohnte hier ein paar Jahre, nur wenige Meter die Straße runter. Der Hinterhof ist geschmückt mit zahlreichen Nummernschildern, die Jeff auf seinen Radreisen gefunden hat oder die ihm andere Warmshower Gäste haben zukommen lassen. Sogar ein gigantisches Roadtrain Schild ist dabei. Es kommen so viele Radreisende vorbei, es gibt sogar ein Gästebuch. Ein coole Idee, vor allem wenn man liest welche Trips andere Leute unternehmen und welche Nationalitäten darunter sind.
Mit Ankunft in den vier Wänden begann es zu regnen. Zuvor konnten wir die mächtigen Wellen entlang der Strände beobachten, die den sonntags üblichen Surfwettbewerben einen Strich durch die Rechnung machten. Ich hatte mich für den Nachmittag mit meinem Ex-Kollegen aus Abu Dhabi verabredet, der am nächsten Tag weiter nach Neuseeland fliegen würde. Kein Lebenszeichen zu hören allerdings.
In der WG machten wir das Beste aus dem nass-kalten Wetter und genossen Jeffs Schweinebraten mit ein paar Bier während wir das lokale Rugby Spiel der Rabbitohs verfolgten, die im benachbarten Stadion von den sintflutartigen Güssen heimgesucht wurden. Ein klassisch australischer Nachmittag würde ich sagen.
Am frühen Abend dann endlich Meldung von Manu, der nachts zuvor sein Handy verloren hatte. Wie bereits vermutet. Im strömenden Regen machte ich mich auf den Weg zu der Bar in Darling Harbour in der er früher gearbeitet hatte. Durchnässt und durchgefroren wurde ich herzlich begrüßt und nach ein paar Bierchen und allerlei Leckereien war das miese Wetter vergessen.
Ich beschloss noch zwei weitere Nächte in Sydney zu verbringen und wenn es gerade mal nicht regnete erkundete ich die kleinen Gassen um Surry Hills herum. Am Abend war ich schon wieder verabredet. Mit Ben, den ich am Ende meiner Tour von Adelaide nach Darwin im Hostel kennengelernt hatte und mit dem wir ein paar gute Tage in der verschlafenen Stadt im Norden verbrachten. Damals nahm er Jean-Marc, meinen britischen Reisekumpanen und mich mit in den Litchfield Nationalpark und wir besuchten ein paar Mal die Bindil Beach Markets in Darwin.
Am finalen Ruhetag half mir Jeff meine weitere Route entlang der Küste zu planen, die er selbst schon mehrmals gefahren ist. Ich entspannte nochmal so richtig und schlenderte ausgiebig durch die sonnigen Gassen Sydneys. Immer wieder beeindruckend die Harbour Bridge und das Opera House zu sehen. Während ich von den Touristen-Attraktionen durch das Bankenviertel zurückschlenderte, hatte ich ein breites Grinsen im Gesicht. Ich war so glücklich und froh nicht in einem der Anzüge um mich herum zu stecken, sondern die Freiheit zu haben auf mein Fahrrad zu steigen und dahin zu fahren wo es mir beliebte. Auf Wiedersehen Sydney!