300. Ein Protokoll.

300. Ein Protokoll.

Km 0 – Groningen

Es war eine lange Nacht. Eine sehr lange Feiernacht für eine relative lange Fahrradfahrt. Nach effektiven zwei, vielleicht drei Stunden Schlaf, öffnete ich die Augen und konnte das erste Licht des Tages ausmachen. Ich liebe den Morgen, weil es ruhig ist und der bevorstehende Tag voller Möglichkeiten steckt. An diesem Tag hatte ich einen Plan, aber es ist die Durchführung, die den Reiz ausmacht.
Ich lauschte in die angenehme Ruhe es morgens. Die Kirchenglocke läutete fünf mal und ich nahm an es sei bereits fünf Uhr. Eigentlich wollte ich mit Sonnenaufgang, der gegen 5:30 Uhr stattfand, auf dem Weg sein.
Träge, dennoch voller Tatendrang, trottete ich auf leisen Sohlen (andere Partyteilnehmer schliefen noch – oder gerade) in die Dusche. Kaltwasser Marsch, aufwachen, frühstücken. Erst jetzt fiel mir auf, dass es gerade mal 5 Uhr war und ich noch perfekt in meinem gesteckten Zeitplan lag. Ich packte meine Sachen zusammen (übrigens wesentlich mehr, als bei einer “normalen” Radreise, aber minus Zelt, Kocher und Schlafsack) und schwang mich um 5:25 Uhr auf mein Rad. Die ersten Pendler waren bereits auf den Radwegen unterwegs. Ich liebe die Niederlande!

Es ist schon hell!
Abfahrt!

Km 9 – Onnen

Das ich auf herrlichen Radwegen unterwegs war, muss ich ja nicht weiter erwähnen. In den Niederlanden ist das normal. Überhaupt stelle ich die These auf, dass dort in der Summe so viele Schlaglöcher oder Wurzeln zu finden sind, wie auf dem “Radwegenetzwerk” (wenn man das hier so bezeichnen kann…) in Köln.
Trotz simpler Routenführung und leeren Straßen, bog ich falsch ab, verbesserte mich aber schnell und kehrte auf die Hauptroute zurück.

Km 12 – Onnen

Diese Gemeinde brachte mich aus unerfindlichen Gründen gerne vom Weg ab. Ich bog eine Abzweigung zu früh ab, bemerkte den Fauxpas aber noch rechtzeitig. Auch wenn es sich nur um insgesamt einen extra gefahrenen Kilometer handelte, zu oft konnte und wollte ich mir das auf einer 300 Kilometer-Route nicht gönnen.

Km 76 – Schönebeck

Nach 3:25 Stunden querte ich zum ersten Mal die niederländisch-deutsche Grenze. Auch wenn es noch viel zu früh für ein Zwischenfazit war, so konnte ich mit der Zeit und meinem Fitnesszustand zu diesem Zeitpunkt zufrieden sein. Allerdings wusste ich, dass später mehrere Städte zu durchfahren waren und mich bremsen würden. Zeit für ein Foto hatte ich aber.

Die Sonne lacht, der Radfahrer auch.

Km 98 – Uelsen

Die erste Bergprüfung. Von 15m auf 55m über Meereshöhe – der höchste Punkt der ersten 100km. Und nein, ich habe keine Null vergessen.

Km 106 – Halle

Nach 30km durch Deutschland, war ich wieder in den Niederlanden. Direkt an der Grenze befand sich ein Schweinehaxenhaus. Leider noch geschlossen.

Entlang und über die Grenzen

Km 118 – Rossum

Der Wind wehte moderat aus nordöstlicher Richtung. Meine Hauptroute verlief nach Südosten. Immer wenn die Straße ein wenig in Richtung Osten drehte, war das Vorwärtskommen merklich schwerer. Zum Glück, und entsprechend hatte ich mein Vorhaben danach ausgerichtet, half mir der Wind auf einem Großteil der Strecke.

Km 138 – Glanerbrücke

Die letzte Grenzquerung des Tages zwischen Enschede und Gronau. Interessanter Grenzort: 2010 schlug ein Meteorit durch ein Wohnhaus.* Deswegen trage ich meinen Helm! (Unter anderem).

*Gemäß dem lesenswerten Wikipedia-Eintrag

Km 148 – Graes

Ich legte die erste Pause ein. Immerhin war fast Halbzeit und nach fast sechseinhalb Stunden Fahrzeit, musste ich unbedingt meine Wasserflaschen auffüllen. Gut, wenn der Dorfladen nur noch 0,5 Liter Flaschen hat. Wenn man auf dem Land einkaufen geht, fühlt es sich oft so an, als wäre die Zeit stehen geblieben: Leere Regale und eine sehr eingeschränkte Auswahl an Artikeln. Außerdem wird jeder Kunde mit Namen begrüßt. Es sei denn man klackert total verschwitzt in Radlerhosen und auf Radschuhen durch den Laden. Dann wird man wie ein Außerirdischer beäugt.

Km 183 – Reken

Cima Coppi* – 105m über dem Meer!

*Beschreibt zu Ehren des Radrennfahrers Fausto Coppi seit 1965 den höchsten Gipfel des Giro d’Italia.

Km 205 – Dorsten

Zwei Drittel nach neun Stunden Fahrt. Ich fand, das war hervorragend. Da es seit dem letzten Stopp zum einen Teil bergab und zum anderen Teil in südwestliche Richtung ging (Rückenwind!), machte ich gut Strecke.
Hier setzte dann das erste Mal so richtig das Verlangen nach einem anderen Geschmack ein. Im Gepäck hatte ich insgesamt 8 Riegel der Firma na-kd (keine Werbung, kein Sponsor). Je viermal den Geschmack Cashew-Dattel und viermal Erdnuss-Dattel. Dazu einen Cliff Powerbar, den ich noch vom letzten Radrennen bei Rund um Eschborn-Frankfurt bekommen hatte und ein Miniriegel von der Decathlon Hausmarke mit Marzipangeschmack. Eine Tüte Honiglakritz komplettierte meinen Proviantbeutel.
Ich versuchte mich strikt alle 20 bis 30 Minuten zu verpflegen. Idealerweise immer mit einem anderen Geschmack. Spätestens während meines 24-Stunden-Rennens auf dem Mountainbike in Duisburg wusste ich, dass Geschmacks- UND Konsistenzvielfalt die einzige Möglichkeit waren, um nach vielen Stunden noch etwas runter zu bekommen. Aufgrund der schwül-heißen Witterung musste ich ohnehin nochmals Wasser auftanken.
Salz! Eine Körnerlaugenstange, ein Laugenbrötchen und eine Banane (Vitamine), ergänzten meine Verpflegung.

Kein Appetit, aber ein anderer Geschmack musste her.

Km 220 – Grafenwald

Mit der Überquerung der A2 nördlich von Bottrop war es dann endgültig vorbei mit dem entspannten, flüssigen Radfahren: Viel Verkehr und dazu Radwege, die mehr mit dem Ho-Chi-Minh-Pfad während des Vietnamkrieges, als mit Straßenbau gemeinsam hatten. Good morning Ruhrgebiet…

Km 229 – Gerschede

Es bahnte sich bereits an: Nach 10:30 Stunden auf dem Rad, kündigte meine GPS-Uhr einen schwachen Akku an. Ich speicherte die Route und hoffte, dass der verbleibende Handyakku für die Aufzeichnung der übrigen Strecke ausreichen würde.

Km 237 – Mühlheim an der Ruhr

Nach einer steilen Abfahrt, fand ich mich in einem Fahrstuhl mit einem anderen Radfahrer wieder (eine Brücke war nur halb fertig und ich musste ausweichen). Er transportierte ein selbst gebautes U-Boot, wie ich dachte, das beim Einsteigen an den Türen hängenblieb. Er unterrichtete mich daraufhin, dass es sich um einen Fisch-Fütterungsrobter handelte. Es war eine Tupperdose mit Propellern.

Km 263 – Düsseldorf

In der Landeshauptstadt setzte Regen ein. Die nasse Fahrbahn und das Spritzwasser der vorbeirauschenden Autos überforderten mich nach etwa zwölf Stunden Fahrt. Ich verspürte keinerlei Appetit mehr, bemerkte aber doch immer wieder einen lichten Moment, wenn ich mir etwas einverleibte. Die Konzentration war nur schwer aufrecht zu erhalten und das Navigieren fiel mir sehr schwer. Ich verwechselte immer wieder links und rechts und musste Umwege und Wartezeiten an unzähligen Ampeln in Kauf nehmen.

Km 279 – Zonser Fähre

Nach Durchquerung der verbotenen Stadt (Kölsch für Düsseldorf) legte sich der Regen und die Sonne lachte mir wieder ins Gesicht. Ich wartete zehn Minuten auf die Fähre, die mich endlich wieder auf die richtige Rheinseite bringen würde.
Als der Fährmann mich abkassieren wollte, bewunderte er mein Fahrrad (zu Recht). Sein Gesichtsausdruck, nachdem ich ihm erzählte, dass ich heute gute 300 Kilometer zurücklegen würde, war unbezahlbar. Für die Fähre musste ich trotzdem bezahlen.

Nicht über den Jordan, aber über den Rhein. Endspurt.

Km 287 – Worringen

Ich ließ es mir nicht nehmen einen Rennradfahrer, der seine Abendrunde drehte, zu überholen und dann zu beschleunigen (zumindest das, was man in diesem Moment als Beschleunigung bezeichnen konnte). Er hing in meinem Windschatten wie eine Klette und ich war froh, als sich unsere Wege trennten. Ich hätte keinen Meter länger durchgehalten.

Km 297 – Longerich

Heimische Gefilde und bekannte Pfade. Endspurt!

Km 305,5 – Müngersdorf

Um 19:32 Uhr stieg ich das letzte Mal vom Rad.

14:07:58 Stunden unterwegs, 13:01:10 Stunden in Bewegung, 1.151 Höhenmeter.

Die Route und andere Details finden sich bei Strava.

Diese Diashow benötigt JavaScript.