Wie ich plötzlich 5000 Kilometer durch Australien geradelt bin – Episode I

Wie ich plötzlich 5000 Kilometer durch Australien geradelt bin – Episode I

Rückblickend bekomme ich immer noch Gänsehaut, wenn ich an all die Eindrücke und Erlebnisse dieses Trips denke. Durch diese Reise wurde ein mir bislang gänzlich fremder, und so weit von meiner eigentlichen Heimat entfernter Kontinent mein zweites Zuhause. Rückblickend kann ich auch heute noch sagen, dass diese Tour zu den prägendsten all meiner Reisen zählt.

Januar 2012, Sydney, Australien.
Nur einen Monat vor der Tour von der ich noch nicht wusste, dass sie passieren würde, hatte ich eine etwa 3000 Kilometer lange Runde um die Südinsel Neuseelands beendet. Meine Belohnung für ein ereignisreiches Jahr meiner zwei Auslandsemester in Neuseeland. Es war zudem die lang ersehnte Rückkehr zum Reisen mit dem Fahrrad. Die allererste Radreise unternahm ich mit 16 Jahren in den Sommerferien.

Seitdem wusste ich, dass ich nochmal so ein Abenteuer erleben wollte. Das Gefühl der Freiheit und Selbstbestimmtheit, welches ich damals erfahren habe, machten süchtig. Nachwievor ist dieses Gefühl der Antrieb all meiner Unternehmungen.

Da ich während des Studiums nur auf der Nordinsel unterwegs war (ausgenommen ein Urlaub auf Samoa), wollte ich diesen wundervollen Flecken Erde im Südpazifik in seiner Gänze erkunden. Das bedeutete eine Reise auf die Südinsel. Und was bot sich da besser an, als meinen lange gehegten Traum einer weiteren Radreise in die Tat umzusetzen. Ich kaufte ein gebrauchtes Fahrrad über das neuseeländische Pendant von Ebay (Trade Me) und flog nach Christchurch.

Leider war ich einige Monate zu spät um die stark britisch geprägte Metropole Christchurch in seiner ehemaligen Pracht zu bestaunen: Ein schweres Erdbeben hatte das Stadtbild nachhaltig verändert. Absperrzäune, Warnhinweise und menschenleere Viertel ließen den Ort wie eine Geisterstadt erscheinen. Anstatt Sightseeing, verbrachte ich nur eine Nacht dort und schwang mich schnellstmöglich auf mein noch unbekanntes, neues Reisegefährt. Als ich gute drei Wochen später wieder in Christchurch eintraf, waren das Rad und ich eins geworden. Es war der Beginn einer langen Freundschaft. Wir verstanden uns gut, aber nach der vielen Radelei hatte ich dennoch kein Verlangen wieder auf das Fahrrad zu steigen.

Mein nächster Stopp war Australien. Danach würde es in das mir mittlerweile fremd gewordene Deutschland gehen. Der ursprüngliche Plan sah vor eine Weile bei einem Freund in Sydney abzuhängen. Ich sah mich am Bondi Beach relaxen und pralle Leben genießen. Doch nach einer Woche der Völlerei und Entspannung hatte ich dann genug von der Gammelei. Zum Glück hatte ich ja mein Fahrrad dabei! Ich hatte noch sieben Wochen zur freien Verfügung. Finanziell sah es da weniger entspannt aus. Dennoch wollte ich gerne mehr von Australien sehen, als nur Sydney. Wenn das Konto ebbe zeigt, muss man arbeiten, sich Geld leihen (nur um dann später mehr arbeiten zu müssen), eine Bank überfallen, oder anderweitig kreativ werden. Meine Optionen das Land zu bereisen dämpften sich also schnell auf zwei Optionen ein: Anhalter oder Fahrrad.

Und dann fiel mir dieser Reisebericht über eine Wüste in Australien ein. Nullarbor. Noch nie gehört, aber der lebhafte Bericht eines Radfahrers blieb hängen. Als ich dann Google Maps konsultierte, um herauszufinden wo der 1200 Kilometer lange Streckenabschnitt durch das Nichts lag, zeichnete sich langsam ein Plan in meinem Kopf.

Die Hauptwindrichtung im Januar und Februar* war Ost – West. Also ideal um direkt von Sydney aus loszufahren. Für solch ein Vorhaben musste ich allerdings meine Ausrüstung etwas aufbessern. Die essenziellen Dinge, wie Kocher, Zelt und Schlafsack hatte ich. Jedoch wollte ich dringend vernünftige Radtaschen. Auf meiner Neuseeland-Tour hatte ich gebrauchte 0815-Taschen dabei, die zusammen mit dem Surly Long Haul Trucker daherkamen. Nach mehrwöchigem Gebrauch konnte ich die Dinger guten Gewissens in den Müll hauen. Flüge von Perth nach Sydney waren ebenfalls erschwinglich**, auch wenn ich nicht dachte es bis nach Perth mit dem Rad zu schaffen. Aber nachdem ich ein Jahr lang die neuseeländische Lockerheit aufsogen hatte, würde ich schon einen Weg finden nach Perth zu gelangen. Take it easy!
*Es war Hochsommer und die Temperaturen von 45 Grad im Schatten hatte ich als machbar angesehen oder ignoriert?!
**Mein Rückflug von Deutschland ging von Sydney

Ich legte mich auf einen Abfahrtstermin fest und ging sogleich meine Besorgungen an. Tatsächlich bestand die größte Schwierigkeit darin die gewünschten Ortlieb Radtaschen aufzutreiben (Natürlich spielte diesbezüglich hauptsächlich der Zeitfaktor gegen mich). Der Preis für Produkte made in Germany ist in Downunder horrend. Sei es Nutella oder eben Ortlieb-Taschen, wenn es aus Deutschland kommt muss man mindestens 50% mehr bezahlen als zuhause. Koste es was es wolle.

An Schwalbe-Reifen war nicht zu denken. Stattdessen investierte ich in Wasser-Reservoirs. Denn Wasser in der Nullarbor entschied über Leben und Tod.* Für den berüchtigten Wüstenabschnitt würde ich 12 Liter Wasser mitführen. Die meiste Zeit kam ich aber mit knapp 9 Litern pro Tag aus.
*Wenn nicht schon Leute in der Nullarbor gestorben wären, würde ich dies als Übertreibung abtun

Der Tag der Abfahrt war heiß. Eine gute Einstimmung und ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen würde. Zur Mittagszeit startete ich mein Adventure of a Lifetime. Nach zwei Stunden im stressigen, dreckigen, lauten und heißem Stadtverkehr von Sydney war ich ungelogen nur ein Haar breit davon entfernt alles hinzuschmeißen, umzudrehen und die nächsten Wochen am Strand Bier zu trinken. Ich kapitulierte nicht.

Ich lernte viel in den ersten Tagen. Allen voran: Es gibt Berge in Australien. Die „Blue Mountains“ waren zu überwinden. Gleich am ersten Tag musste ich auf einer steilen Rampe vom Rad steigen und schieben. Oh, welch Schmach! Am späten Nachmittag war ich nicht nur körperlich erschöpft (Hitze und Radfahren), sondern vor allem psychisch (Lärm und all die mir noch bevorstehenden Ungewissheiten). Nach einem Liter kalter Milch von der Tankstelle ging es etwas besser.

Unweit der Tankstelle bog ich in eine Seitenstraße ab und schlug mich das erste Mal in den australischen Busch.* Es kostete mich allergrößte Überwindung wild zu campen. In Neuseeland schlief ich meist auf Campingplätzen oder in Hostels. Aber wenn man kein Geld hat, muss man eben haushalten. Ich hatte ganz schön Bammel! Schlangen, Spinnen und was nicht sonst noch alles so kreucht und fleucht. Entsprechend vorsichtig bewegte ich mich auch. Jedes noch so leise Rascheln lies meine innere Alarmglocke schellen und beschleunigte meinen Puls. An diesem Abend wurde mir erst richtig klar, auf was ich mich hier eigentlich eingelassen habe. Dennoch, und das war die Hauptsache, ich war überwältigt von einem unbeschreiblichen Gefühl des Glücks und Freiheit. Dann: Komatöser Schlaf.
*Ich bemerkte es erst am nächsten Morgen, aber ich befand mich in dicht besiedeltem Gebiet. Die Wohnsiedlung war knappe 100m entfernt.

Auf Reisen habe ich es mir angewöhnt Tagebuch zu führen. Es ist ein tolles Mittel, um mich in das Erlebte zurückversetzen zu lassen. Jedes Mal wenn ich in meinen Aufzeichnungen stöbere, bin ich erstaunt wie viel man doch vergisst. Auf der Reise nach Perth findet sich er erste Eintrag nach vier Tagen Fahrt. Der Beweis für die strapaziösen ersten Tage dieser Tour.

Nach den Blue Mountains ging es bergab. Das leicht regnerische Wetter wurde durch Sonnenschein ersetzt. Das würde sich die nächsten siebeneinhalb Wochen auch nicht mehr ändern. Über die kommenden Tage wurde ich überwältigt von der schieren Weite des Kontinents. Meilenweit Nichts. Hier und da ein kleiner Ort in denen ich die herzlichsten Menschen kennenlernen durft. Dann wieder roter Sand, blauer Himmel und die schier endlos scheinende Straße in Richtung Westen.
Der Weg war das Ziel. Diese Aussage ist für mich einer der Hauptgründe mit dem Fahrrad zu reisen. Rückblickend auf jene Australien-Tour wird mir jedoch bewusst, dass das eigentliche Ziel die Nullarbor-Wüste war. Im Voraus auf die Tour drehten sich all meine Gedanken um die Bezwingung dieser unwirtlichen, 1200 Kilometer langen Strecke. In keinem Moment bedachte ich, dass ich zunächst 2000 Kilometer fahren musste, um überhaupt an den Beginn der Wüste zu gelangen…

Fortsetzung folgt.

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